thesaurus capitalis II

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Bausphase 3

- April 2012 -

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Bausphase 2

- März 2012 -

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Bausphase 1

- September 2011 -

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Schatz der Formen - calvatia gigantea

 


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Baustelle thesaurus capitalis II

oder

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Aufstellung und Gestaltung unter den Bedingungen des Brandschutzes

 

Die Materialien des Ausstellungsstückes (ein kubischer Rohrrahmen, in dem Objekte platziert sind) für den 3. Lichthof der Universitätsbibliothek sind Metall, Gips, Naturstein und Glas (Spiegel), so dass keine Brandschutzbedenken bestehen.
            Das Objekt misst 2 x 2 x 2,5 Meter und ist in der Mitte des Lichthofs aufgestellt, so dass es auch in Bezug auf die Frage der Fluchtwege nicht problematisch sein dürfte.

            Auf das Vorhaben, auf den Kubus ein großes, ihn überragendes, weiß gestri-chenes Astgeflecht zu montieren, ver-zichtet der Künstler, es sei denn, es lässt sich noch in der Zeit bis zur Aufstellung klären, dass es sich hierbei um ein Exponat handelt, das ent-sprechend dem Text des ihm vorliegenden TÜV-Gutachtens, lediglich "eine örtlich begrenzte, geringe Brandlast" darstellt, die "aus Sicht der Unter-zeichner keine zusätzliche Brandgefahr" bedeutet.

            (...wenig später: die Installierung des Astgeflechts ist mit den Brandschutzbestimmungen nicht vereinbar)

           Dem Künstler bleibt die Arbeit der realen Montage des Geflechtes verwehrt bzw. erspart. Er findet eine alternative Lösung. Die Aufstellung ist jetzt fertig und gänzlich unbrennbar. Anstelle des Astgeflechts  ist ein Modell en miniature aus Draht, das nun Teil der Gestaltung ist, so aufgebaut, dass der geneigte Betrachter selbst sich die Arbeit machen kann, das Drahtgeflecht von einem individuell zu findenden Blickpunkt aus in den großen Rahmen des Schatz-hauses perspektivisch hinein zu proji-zieren, in der Gestalt, dass er das vollständige Werk auf seiner Netzhaut installiert und sich sodann an diesem Bild sein Geist entzündet. (Wer seinen Augen traut, braucht nicht zu deuten.) Für nicht geneigte oder unneigbare aber vorstellungsbegabte Betrachter entsteht, entflammt ohne materielle Hilfsmittel, das Kunstwerk im Kopf. (Wer seiner Phantasie traut, braucht nicht zu deuten.) Das Kunstwerk als lodernde Baustelle. So soll es sein in der Kunst seit dem 20. Jahrhundert.

 

           Im ersten Geschoss der Bibliothek befinden sich den kurzen Seiten des um-laufenden Geländers zwei Spiegelobjekte, in die man das neu hinzugekommene Ausstellungsstück hinein sehen kann.

           Im 4. Geschoss befinden sich das Werkensemble "Skulpturen lesen".

            Malte Wienebüttel

 

Anmerkung: Den Freunden Kunstinterpreten sei an dieser Stelle versichert, dass „Baustelle thesaurus capitalis“ nichts symbolisiert.  Gar nichts und überhaupt nichts. Sie steht für sich, die Baustelle ist eine Baustelle, keine Metapher. Der Titel mag von einigen wenigen, in diesem, unseren  ausgehenden Jahr 2011, eine Assoziation zur occupy-wallstreet-Bewegung hervorrufen, die Installation als gegen das internationale Finanzkapital gerichtet, wohl möglich wegen der zuvor erörterten Frage der Brandgefahr, brandstiftend im Sinne von >Krieg den Palästen< gedeutet werden.
One % steht, versichert Bernhard Nürnberger, gewaltfrei und Werk immanent  für die mutmaßlich 1 Prozent unerleuchteter Rezipienten.

 

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Zur Vergegenwärtigung der Verflechtungen mit anderen Ausstellungen siehe:

grosser-furz-wollschow.html

enteignung-malchow.htm

konspiration.html

firlefanz-prenzlau.html

traum-des-faun.html

calvatia.htm

gespenst-tanzt-den-mai.htm

thesaurusI.htm

Hinweise auf die gleichzeitige Ausstellung "Skulpturen lesen" im 4. Stock der Bibliothek:

udk.bibliothek-4.1.htm

udk.bibliothek-.4.0.htm

 



 

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Parallelgeschichte

 

 

Die Eier des Teufels

Die Schale eines ausgelöffelten Frühstückseies solle man, so belehrte mich meine Tante Gertrud lachend, sofort mit dem Löffel durchstoßen, damit der Teufel seine Eier dort nicht hinein legt. Sie sagte das, wenig später nachdem sie mich herein-gelegt hatte. Beim Sonntagsfrühstück neben mir sitzend, hatte sie ihr Ei geleert und von mir unbemerkt die Schale im Eierbecher umgedreht und mir mit strahlend großzügigem Blick hingeschoben. Mit dem fröhlichen Schlag des auf die unerwartete Gabe eines zweiten Eies niedersausenden Eierlöffels bei diesem wegen des Besuch der geliebten Verwandten, der Schwester meiner Mutter, besonderen Familienfrühstücks, mit dem hohl knirschenden Geräusch, das es von sich gab, war meine dankbare Begeisterung abrupt vernichtet. Meine Reaktion darauf verschwindet im dichten Nebel der Scham meiner kindlichen Erinnerung.

Eine Aufklärung über volksbräuchliche Sitten im Umgang mit geleerten Hühnereiern war ich jedenfalls in dieser Situation nicht in der Lage zu erfragen. Etwa, warum es nicht Sitte war, den lieben Schwager, in diesem Fall also meinen Vater, zu foppen? Oder die Frage, welche Art Teufel meine Tante wohl geritten hatte, mir seine Eier in ihrem Frühstücksei zu verehren? Und die Eier des Teufels, wie konnte ich mir die vorstellen? Zu ihm, dem bocksfüßigen und beschwanzten Wüstling, ritten scharenweise auf struppigen Besen hässliche Hexen. Gab es einen Zusammenhang mit der 'Bocksbeutel’ genannten Flaschenform, in die der von meinem Vater geschätzte Frankenwein abgefüllt war, bei deren Nennung meine Mutter regelmäßig, für mich unverständlich, sich unterdrückt belustigte? Mir kam auch nicht in den Sinn, dass der Teufel zwar kein Legehenne ist, aber immerhin in der biblischen Gestalt der ebenfalls Eier legenden Schlange über die Saurier ein Verwandter der Hühner sein mochte. War er vielleicht der von uns Kindern gefürchtete, gefährliche Rotheländer Hahn? Das wilde Staub-und-Federn-Spektakel der Gewalt in unserem Hühnerhof, das gackernde Auseinanderstieben der Hennen, der aufgewirbelte, scharfe Ammoniakgeruch sprachen dafür, wenn er mit strammrotem Kamm, schlingerndem Halsgehänge und spektakulär schwankenden Schwanzgefieder über seine Lieblingshenne Gackelaia herfiel.

Das kleine Handbeil meiner Mutter, das ich heute, gut sechzig Jahre später, zum Kleinholzspalten benutze, saust irgendwann nieder, ich weiß es nicht, ob vor oder nach dem Frühstück mit Besuch, trennt den Körper vom Kopf Gackelaias eben dort, wo der Hahn während seiner vielen, wüsten Trittattacken ihren Hals bis auf die geschundene, blassrosa Hühnerhaut entblößt hatte, Zeichen seines zügellosen, gewaltsamen Begehrens, Ziel des erlösenden Axthiebes, die Schnittlinie zwischen Legehenne und Suppenhuhn. In einer steilen Aufwärtsgeraden flattert ihr weiß gefiederter Körper den wahrscheinlich längsten Flug ihres da schon gestückten Lebens zum weitest möglich vom Hauklotz entfernten Punkt diagonal über den drahtvergitterten Hühnerhof, den Boden des Geheges mit einer korrespondierenden Linie roter Tropfen im Takt des Flügelschlags tüpfelnd, einäugig beobachtet vom nach Hühnerart mit einem letzten Ruck in Blickrichtung gebrachten Kopf. Die Echsenklauen verkrallen sich im Maschendraht.


aus: Malte Wienebüttel: „Kindheit in den 50ern“ ..... unveröffentlicht