Inszenierung im Bereitstellungsregal der Bibliothek der Universität der Künste und TU Berlin,Januar 2010

Zeughaus

- Abschaffung der Bücher -

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Abschaffung der Wörter

Jonathan Swift: Gullivers Reisen

Fünftes Kapitel.
Der Verfasser erhält die Erlaubnis, die große Akademie von Lagado zu besichtigen; die Akademie wird weitläufig beschrieben. Die Künste, womit sich die Professoren beschäftigen.

Das Gebäude der Akademie besteht nicht aus einem einzelnen Gebäude, sondern aus dem Zusammenhange mehrerer an beiden Seiten der Straße, die zu dem Zwecke gekauft und eingerichtet wurden, da sie bereits leer standen und in Verfall gerieten. Ich wurde von dem Direktor sehr gut aufgenommen und besuchte darauf mehrere Tage lang die Akademie. Jedes Zimmer hatte einen oder mehrere Projektemacher, und wie ich glaube, bin ich in nicht weniger als fünfhundert Zimmern gewesen.

(...)

Hierauf begaben wir uns in die Sprachschule, wo drei Professoren sich über die zweckmäßigste Methode berieten, ihre Landessprache zu verbessern. Das Projekt des ersten bestand darin, die Rede dadurch abzukürzen, daß man vielsilbige Worte in einsilbige verwandle, daß man Verben und Partizipien auslasse; alle vorstellbaren Dinge seien in Wirklichkeit nur Hauptwörter.

Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen

Abschaffung aller Wörter

Man machte geltend, dass das außerordentlich gesund-heitsfördernd und zeitsparend wäre. Denn es ist klar, dass jedes Wort, das wir sprechen, in gewissem Maße eine Verkleinerung unserer Lungen durch Abnutzung bedeutet und folglich zur Verkürzung unseres Lebens führt. Es wurde deshalb folgender Ausweg vorgeschlagen: Da Wörter nur Bezeichnungen für Dinge sind, sei es zweckmäßiger, dass alle Menschen die Dinge bei sich führten, die zur Beschrei-bung der speziellen Angelegenheit, über die sie debattieren wollen, notwendig seien. Diese Erfindung wäre sicherlicher umgesetzt worden, und hätte zu großem Nutzen und zur Erhaltung der Gesundheit der Untertanen beigetragen, wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel und den Analphabeten gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen verböte, nach Art ihrer Vorfahren mit ihren Zungen zu reden.

Welch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Wissenschaft ist das gemeine Volk!

Viele der Gelehrtesten und Weisesten sind jedoch Anhänger des neuen Projekts, sich mittels der Dinge zu äußern. Es bringt lediglich die Unbequemlichkeit mit sich, dass jemand, dessen Angelegenheiten sehr umfangreich und von unter--schiedlicher Art sind, ein entsprechend größeres Bündel von Dingen auf dem Rücken tragen muss, falls er es sich nicht die Begleitung von ein oder zwei starken Dienern leisten kann. Ich habe oft gesehen, wie zwei dieser Weisen unter der Last ihrer Bündel fast zusammenbrachen, wie bei uns die Hausierer. Wenn sie sich auf der Straße begegneten, legten sie ihre Lasten nieder, öffneten ihre Säcke und unterhielten sich eine Stunde lang; dann packten sie ihre Utensilien wieder ein, halfen einander, ihre Bürden wieder auf den Rücken zu nehmen und verabschiedeten sich.

Für kurze Gespräche aber kann man das Zubehör, um sich hinlänglich auszustatten, in den Taschen und unter den Armen tragen, und zu Hause kann man nicht in Verlegenheit kommen. Deshalb ist auch die Zimmer, in denen Leute zusammenkommen, die diese Kunst ausüben, voll von griffbereit daliegenden Dingen, die alle erforderlich sind, um Material für diese Art künstlicher Konversation zu liefern.

Ein weiterer großer Vorteil, den diese Erfindung haben sollte, war der, dass sie als Universalsprache dienen würde, die man bei allen zivilisierten Nationen verstehen könnte, deren Waren und Gerätschaften im allgemeinen von gleicher Art oder so sehr ähnlich sind, so dass man ihren Gebrauch leicht begreifen könnte. Dementsprechend wären Gesandte dazu befähigt, mit fremden Fürsten oder Staatsministern zu verhandeln, deren Sprache ihnen vollkommen unbekannt ist.

 

 

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