Epiphanie in Heimstedt

von Malte Wienebüttel

Er will nicht gestört werden beim Ritual in der Ruine. Stativ und Fotoapparat sind vor der Figur Lorna aufgebaut. Es geht ein guter Wind von West. Selbstvergessen ist er damit beschäftigt, die Folienfalten an Lornas Noppengewand zu ordnen, das kräftig pulsierende Luftrauschen des nahen Windrads im Ohr, als er hinter sich ein knirschendes Geräusch vernimmt.
Er dreht sich um. Blaugesicht steht nah hinter ihm. Hat wohl einen der mürben Bieberschwänze zertreten, die hier zahllos verstreut auf dem Boden liegen. Er sieht ihn oft im Dorf. Regelmäßig geht er die Straße entlang, mittags zur Gaststätte, abends schleppenden Schritts zurück. Hatte sich zurechtgelegt, was er sagen wollte, falls ihn doch jemand hier stört. Fällt ihm jetzt nicht ein. War mit Bedacht gegen 12 Uhr hierher gefahren, er weiß, die Ortsansässigen halten die Essenszeit ein, und wollen um diese Zeit selbst nicht besucht werden. Nun steht das Blaugesicht da. Wahrscheinlich kocht niemand für ihn, geht es ihm durch den Kopf. Ländliches Schweigen. Streckt ihm die Hand hin, um das aufsteigende Unbehagen wegzuschütteln. Blaugesicht hebt zögernd die Hand, lässt sie knapp erfassen und schlaff schleppt sie sich aus dem Griff. Sein Blick weicht seitlich nach unten aus. Begrüßung fertig.
„Dat Dach is ingefal...“, sagt Blaugesicht.
„Junger Mann,“ sagt unvermutet in der Intonation der Ansagen telefonischer Warteschleifen eine freundliche Stimme. Das Gesichtchen Lornas schwankt grün über dem Schaumgummi-kragen, die Augen blitzen nicht, aber die Sprachfunktion arbeitet tadellos, “ich sehe, Sie sind von hier.“
Blaugesicht nickt heftig.
„Wissen Sie,“ spricht sie unterbrechungslos weiter, „es ist lange her, dass ich hier in diesem Gebäude war, unser alter Pferdestall. Mein Vater nahm mich oft mit, wenn er seine Gonda für einen Ausritt holte. Ich erinnere mich gut an diese Granitpyramiden unter den Gebälkstützen hier.“ Ein Luftzug weht eine Schleife ihres Gewands in die Richtung eines frei in der Luft schwebenden Stützbalkens, unter dem der behauene Granit fehlt, ohne dass die Gebälkkonstruktion darüber sich merklich abgesenkt hätte. „Zehn, zwölf Jahre war ich alt. Ja, ich bin eine von Heimstedt, Lorna von Heimstedt. Nein, an Rückkauf denken wir nicht. Da ist hier doch zu wenig von nach. Und das Herrenhaus ist ja ganz weg. Wir sahen es brennen, Januar fünfundvierzig, kaum dass wir auf der Pflasterstraße von Woddow nach Grünberg waren. Nein, das lohnt sich nicht. Und dann die Enttäuschung, als ich meinen lieben Nürnberger bat, an der ersten Windmühle  rechts nahe der Plattenstraße gleich nach Wollschow anzuhalten, um Strom zu zapfen, wind-erntefrische Aufladung sozusagen, er mich am Fuß des Wind-rad abstellte, mein Kabel anschloss – eine Kabelrolle haben wir immer dabei – und? Nichts passierte. Kein Saft, kein Watt! Kein Kick. Kein Augenblitzen, geschweige denn Erleuchtung und Verzückung,  --- kein Wind! Die kleine Hoffnung habe ich schnell aufgegeben, hier einen Reiterhof aufzubauen, Wellness auf dem Gutshof, Radfahrerrelais,  eine uckermärkische Gastronomie erfinden,  so in diese Richtung.“
     Lorna schweigt. Ihr Schöpfer blickt sie an. Sucht vergeblich das vertraute zuckende Blitzeln in ihren Augen. Er wendet sich um. Blaugesicht ist verschwunden. Der Rhythmus der Rotoren. Das andauernde, taumelnde Rauschen umfängt ihn. Lauter geworden.

Ein flirrend zuckender Lichtsturm zerblitzt die Szene, überflutet die Mauern, den Boden, den Luftraum, wirft sich vielfach zurückgeworfen in einer megawattgeladene  Woge in die schwebenden, jetzt schwimmenden Glieder des Gebälks, durchlichtet Pfosten, Pfetten, Latten, Sparren, Streben, kristallisiert alles in gleißende, erlösende Helligkeit. Er habe vor der Vision intuitiv die Augen geschlossen und auf diese Weise das in großer Ruhe wunderbar nuancierte Farbskalen durchlaufende Nachbild seiner eigenen Silhouette, erzählt bei einer Tasse Tee, Bernhard, amüsiert, zurückgekehrt nach Wollschow, schwinden sehen können. Lornas Porzellanwangen erglühen heißviolett, heiter zum Anschwellen ihres nun mit dem Rhythmus der Rotoren des Windrads synchron schlagenden Pulses, luftdröhnende Rauschglut zerlodert ihr die Schläfen, löscht  ihr die Sprachfunktion, verlischt ihr das Relais der Augenblitz. Sint Lorna, verzückt, zerlichtet im himmlischen Glanz andauernder, reiner Energie, Opfer im Schein, im Heil endgültiger Erleuchtung. Das Gebälk ist verschwunden,  die Sicht  frei auf den rotorendurchpflügten uckermärkischen Himmel.

„Tatsache, dat Dach is wech, kann kein Solar drauf,“
sagt Blaugesicht in der Brüssows Gaststätte „Zum Schwan“.

„ Alle kriegen  Elekroautos,“ weiß Erwin.

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erneuerbare Gewalt

Innerhalb unserer der gewalttätigen Energie einmütig verpflichteten und in ihrer mythischen Bedeutung gefangenen Gesellschaft gibt es keinen Ort, wo die Wahrheit über  ihre tatsächliche Gewalttätigkeit obsiegen oder auch nur eindringen könnte. Der Moment, wo wir für diese Wahrheit am empfänglichsten sind, ist der Moment, wo die menschliche Gemeinschaft unter der Einwirkung der sich intensivierenden Gewalt auseinander zu brechen droht, aber es ist auch  der Moment, wo wir am stärksten verschattet sind. Wenn immer  die Gewalt als Fundierung der Energie in Erscheinung zu treten beginnt, dann mit den von jeder gewalttätigen Epiphanie zu erwartenden Effekten, nämlich in der akuten Energiekrise, die uns jeder Klarsicht berauben. Stets, so hat es den Anschein, wird es der Energie gelingen, ihre Wahrheit zu verschleiern – entweder indem sie den Übertragungsmechanismus des als energetisches Opfer getarnten Lynchmordes spielen lässt und damit das in Frage gestellte Heilige wieder  einrichtet,  oder aber, indem sie die Zerstörung  zu Ende führt.

Entweder man widersetzt sich energisch, also gewaltsam der Gewalt der Energie, und arbeitet ihr unabsichtlich in die Hände, oder man widersetzt sich ihr nicht und sie verdunkelt einem augenblicklich die Sicht. Mit anderen Worten, das Regime der Gewalt Energie ist derart, dass dessen Offenlegung unmöglich ist. Weil die Wahrheit sich nicht in der Gesellschaft aufhalten kann, weil sie zwingend daraus verjagt werden muss, könnte sie sich bestenfalls als zu Verjagende wahrnehmen lassen, und zwar insofern sie Opfer wird in jenem kurzen Augenblick, der ihrer gewaltsamen Ausstoßung vorausgeht. Es muss diesem Opfer gelingen, uns in  dem Moment zu erreichen, da sie ihm als reine Energie die Sicht verdunkelt. Es muss über die Gewaltsamkeit der Energie genügend verraten, um deren Entfesselung  im Akt des Mordes gegen das Opfer zu provozieren. So gilt das Opfer als für die Erneuerbarkeit der Energie verantwortlich und damit für unsere wieder eingekehrte Beruhigung, sowie für die  vorausgehenden Krise, weshalb es als alternativ und heilige gilt.
 
Es braucht hellsichtige Zeugen, um über das Ereignis so zu berichten, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, und es gar nicht oder so geringfügig wie möglich zu verklären, girardeske Menschen, die der Gewalt der Energie nichts verdanken, die nicht gemäß deren Normen denken.