Besucherhinweis zur Ausstellung  „Bernhard Nürnberger – konspiration der Dinge“, Galerie des VBK 10. 3. – 10 4. 2011
Malte Wienebüttel, 12. März 2011

Werkgespräch in der Galerie am 30. 3. 2011, 19.00 Uhr, Leitung: Susanne Husse (Adresse: Schöneberger Ufer 57, 10785 - gegenüber der Neuen Nationalgalerie Berlin)

Die Ausstellung zeigt figürliche Materialassemblagen und Tafelbilder. Die Leinwände wurden einer Rosskur  (Edvard Munch) unterzogen bzw. zerschnitten, auf- und ausgeschnitten, neu in reliefartige oder vollplastische Figuren aus Malerei-, Leinwand- und Fundstücken zusammengefügt. Einzelstücke, die jedes für sich gesondert betrachtet werden wollen.

Es gibt einen mehrfach wiederholten Figurentypus, eine Kombination von Keramikkopf und rudimentärem Laib, der die traditionelle Bildnisform der Büste oder der Herme aufgreift oder persifliert. Groteske Figuren, die den Gattungsnamen „Gryllos“ bekommen haben.

Die Ausstellung zeigt drei Hauptfiguren, die einen Namen haben. „Kläre Schlamm“ im 1. Raum innerhalb des großen Stahlrohrkubus schwebend, „Lorna“ in der Mitte des 2. Raumes stehend und den barberinischen Faun, repräsentiert durch ein Foto im 1. Raum. Diese drei Figuren wollen im Zusammenhang betrachtet werden. Die Körperhaltung des Faun wiederholt sich bei „Kläre Schlamm“, in der plastischen  Assemblage, die Lorna zugeordnet ist und wird in anderen Bildern angespielt. Weitere Zusammenhänge lassen sich über das Motiv des Gewandes bzw. des Mantels herstellen. So auch zu den Darstellungen von Faltenwürfen auf einigen Tafelbildern.

Der dritte Raum zeigt Kopierverfahren, Naturabformungen, deformierte Reproduktionen antiker Plastiken und Aktzeichnungen im Rapport.

Fotos dokumentieren die Figuren „Kläre Schlamm “ und „Lorna“ und den Faun  in vorherigen Ausstellungen und anderen gestalterischen Situationen und an verschiedenen Orten. Assemblagen und Fotos erzählen Geschichten, die noch zu Ende geschrieben werden oder noch gar nicht geschrieben wurden. (Ausnahme: Installation der Kläre Schlamm, die auf einem tatsächlichen Umweltskandal beruht – eine illegale und vertuschte Klärschlammver-kippung in der Deponie Brüssow Uckermark. Die Recherchedokumente liegen aus.)

In Kapitel geordnete Akten auf dem Tisch (neben dem Eingang) geben Einblick in das imaginaire Buch, das in der Ausstellung versteckt ist (siehe Rückseite).

Die Ausstellung zeigt möglicherweise ein Schauspiel, vielleicht eine opera seria oder eine opera buffa. Die Hauptpersonen Lorna, Kläre und der Faun in der klassischen Dreiecks-konstellation werden begleitet vom Chor der Grylloi. Das Buch und die Musik dazu sind noch nicht fertig.

„Das automate Treiben der Fundstücke, die man auflas, zueinander brachte, miteinander treiben ließ, was sie wollten: aber nicht was man selbst wollte, eben nicht, vielmehr was sie wollten, wobei man fast bloß zuschaute.“* 
Die Ausstellung konspiration der dinge schreibt Kästners Gedanken fort, versteht unter Fundstück nicht allein Materielles, Dingliches, Gegenständliches, sondern auch Texte, Zitate, Begriffe -  „Lesefrüchte“ aus allen möglichen zufälligen Quellen. Das poetische Flackern im Grenzbezirk von Erfindung, Kopie und Plagiat ist für Bernhard Nürnberger Programm, nicht nur in Kläres leerem Laib und Lornas hohlem Kopf.

* Erhard Kästner „Der Aufstand der Dinge, byzantinische Aufzeichnungen“, 1973

 
     

conspiracy of pieces

- ein konzept - eine ausstellung - ein essay - eine untersuchung - ein chamäleon - ein plagiat - ein komplott - eine oper - ein roman, eine klassische dreiecksgeschichte:

lorna, kläre schlamm & der barberinische faun. weitere darsteller: nida, malte wienebüttel, der chor der grylloi und zahlreiche materialien namenloser stücke.

0. Vorspann

     
 

konspiration der dinge & die kunst des vermutens

 

Malte Wienebüttel
vorläufige Version Febuar 2011

 

 

http://shizzzq.wordpress.com/2008/01/39/konspiration/

Das Komplott
27 13 2010

Meine Produkte, meine Werke (!), mein Computer, meine Kopfschmerzen, das Wetter, die Welt – alles scheint sich gegen mich zu verschwören. Mehr dazu vielleicht irgendwann einmal, wenn ich wieder gute Laune habe (was beim momentanen Schneegestöber durchaus angemessen wäre… so ein schöner Winter! Ende der Klimakatastrophe, auha!) und mir nicht der Kopf vor lauter Daten und ungaren Gedanken schwirrt. In eben dieses Gestöber werd ich mich jetze mal zufällig hinein begeben und dann gegebenenfalls noch missgestimmter rauskommen.

Grrr. Argh. Ich möchte was kaputt machen. Ach, ich vergaß, das brauch ich ja gar nicht, das tun die Dinge schon von selbst. Conspiracy to commit murder. Mordskomplott.

 

 

 

 

DIE KONSPIRATION DER DINGE
als terroristische Verschwörung

 

APPROPRIATION AKT
Wir eignen uns die Argumentation Julien Assanges an, wie er sie in seinem so genannten WikiLeaks „Manifesto“ (3/12/2006) entwickelt.
- http://213.251.145.96/
- www.wikileaks.org
Zitat

In der Zeit um den 11. September finanzierte das Maryland Procurement Office (National Security Agency light cover for academic funding, google for grant code “MDA904”) und andere Mathematiker finanziert, terroristische Verschwörungen als connected graphs zu betrachten. Wir erweitern dieses Verständnis terroristischer Organisationen aus und richten es auf die Vorlieben ihrer Auftraggeber, so dass es zum Messer wird, das die Machtkonspirationen, die angewendet werden um die autorirärer Regierungen aufrecht zu erhaltenden, zu zerschneiden. (J. A.)

CONNECTED GRAPH

In der Mathematik veranschaulicht ein connected graph in abstrakter, modellhafter Form eine Gruppe von Objekten (Entitäten), von denen einige untereinander durch links verbunden sind. Diese Objekte werden vertices genannt. Links, die Paare mit einander verbinden, werden edges genannt.
Connected graphs zeigen eine Gruppe von Punkten (oder Knoten) - für die vertices - verbunden durch Linien (oder Kurven) - für die edges. Graphen gehören zu den Studiengegenständen der diskreten Mathematik (discrete mathematics).

NAGELBRETT

Man nehme, schreibt Assange, ein paar Nägel („Verschwörer“) und schlage sie wahllos in ein Brett. Man nehme einen Faden („Kommunikation“) und schlinge ihn ohne Unterbrechung von Nagel zu Nagel. Man bezeichne den Faden, der zwei Nägel verbindet, als link. Die durchlaufende Fäden bedeuten, dass ein Kommunikationsfluss über die Fäden und die dazwischen liegenden Nägel von einem Nagel zum anderen möglich ist.

Die Analogie zeigt: Information fließt von Verschwörer zu Verschwörer. Nicht jeder Verschwörer traut jedem oder kennt alle anderen Beteiligten, obwohl alle miteinander verbunden sind. Einige sind in der Randzone des Geflechts und kommunizieren mit wenigen, andere sind in dessen Mitte und kommunizieren mit vielen. Einige kennen etwa nur zwei andere, können aber eine Brücke zwischen wichtigen Teilen oder Gruppen der Verschwörung sein. Die „Wichtigkeit“ einer Botschaft, die durch eine Verbindung läuft, kann man a priori nur schwer ermitteln, da ihr wahrer Wert vom Ergebnis der Verschwörung abhängt.

DIE MACHT DES MATERIALS in der Kunst

Wir entfernen uns einen Schritt und übertragen Assanges Verständnis von Struktur und Funktionsweise terroristischer Organisationen als benagelte Bretter bzw. connected graphs, Abstraktionsmodelle für Netzwerke, Beziehungsgeflechte, Seilschaften, Komplotte, in die Sphäre des Materiellen und der Kunst. Wir benutzen es als Skalpell, das die Konspiration und das Handeln der Dinge selbst, das ihnen ihre Macht sichert, bloß legt. Der Sachen Objekte Werkstücke pieces, dem Zeugs. Sezieren um zu verstehen. Das Modell des connected graph lässt uns die konspirativen Prozesse der Dinge begreifen: Das macht das Material in der Kunst.

TERRORISTISCHER ATEM

Bedenken wir: Das Modell des Nagelbretts suggeriert, bei anerkannter Hierarchie untereinander, Stabilität zwischen den Mitspieler. Im Reich der Dinge gibt es aber keine gesicherten Zustände. Keine Ruhe, keinen Stillstand; conspirare, lat. ’im Einklang stehen (non sic!), zusammen wirken’, vgl. lat. spirare ’wehen hauchen atmen leben’, miteinander atmen, das heißt conspirare. TRANSITORIAL VERTICES; Zustandsstückwerke, pieces in the state of flux, sind Entitäten auf Zeit. Assanges Nagelbrett zeigt nicht den Kampf der Dinge untereinander, ihre gegenseitigen Angriffe, ihre Metamorphosen, ihren Kannibalismus. Sie zerstören zerreißen zerstückeln zerwirken und verweben sich, hauchen Leben ein und hauchen es aus und verformen und deformieren sich zu gegenseitigen Lasten und auf Kosten eines unkalkulierbaren eigenen Nutzens, ungesicherte Sinnverdichtung oder Sinnvernichtung. gegenstände stehen gegen einander, Sachen schaffen tätlich Tatsachen. Sie stechen gestandene Mitverschwörer ab, drücken neues Zeugs, neue Stücke - „Fundstücke“ - rein. Sie verbinden sich, fügen und sortieren sich neu, verwischen und vermischen, begrenzen und entgrenzen sich, oszillieren und vibrieren, kopulieren und koagulieren, fallen auf- und aus einander und über einander her und in sich zusammen; unhaltbare Zustände; Treibende und Getriebene; Kunstkomplott als ASSEMBLÉE DU TERREUR ....

CONSPIRACY TO (COMMIT) ART

Das Modell des connected graph bzw. der Bayesschen Netze kann uns helfen die mutmaßliche Position des Künstlers im Atemraum der Dinge zu erfragen. Seine Stellung im heißen Atem der Konspiration und im Bezug zu ihm. Ist er ein Nagel im Brett, ist er der Hammer, der Nägel einschlägt? Spannt er die Fäden? Spinnt er das Netz? Ist er Mitverschwörer, Handlanger, Instrument? Ist er Seziertisch Regenschirm Nähmaschine? Ist er drittselbst alles zugleich? Vermutlich tanzen mit ihm einige Verschwörer inniger als andere, das ist sicher. Im Rausch mischt er sich unter die Dinge, verschmilzt mit ihnen. Ist Schamane, nee, nee, jaja. Er lässt das Unglaubliche Wirklichkeit werden, er erkennt - Sprache der Bibel - die Dinge, ist Zeichner, mhd. zeichenaere, einer, der Zeichen und Wunder tut, ist Zeichenlehrer. Wie lange glaubt er das beherrschende Zentrum des Gemetztels zu sein, wann erkennt er in die Randzone abgedrängt oder ausgeschieden zu sein? Den Faden verloren. Walser hält dafür, er habe beim Romanschreiben ab der Mitte keinen Einfluss mehr auf dessen Fortgangs. Verstrickt. Die Dinge denken sich in mir, sagt Cezanne.

AH, QUELLE SOULAGEMENT,

sagte der belästigte Meister Cezanne, nachdem er einen fahren ließ, womit
er, erzählt die Anekdote, einen ungerufenen Eindringling in seinen und den Atemraum seiner Dinge erfolgreich verscheuchte.

VERÖFFENTLICHUNG IST VERRAT

Der Künstler sieht und teilt das terroristische Komplott, er denkt es, es denkt sich, er begreift es begrifflosen Sehens, aber er will es zeigen. Den Atem anhalten. Den Fluss bremsen. Das Unhaltbare haltbar, das Unerträgliche erträglich haben. Er erklärt ein Zufallsmoment zum Ergebnis. Zeigen. Ausstellen ist abstellen. Seine Veröffentlichung ist Bloßstellung und Verrat. Der Künstler verrät die Konspiration der Dinge. Das Unsichtbare wird sichtbar für andere. Fremdblick ist Gefahr. Kuratorische Besorgung ist das Gegenteil von kurieren, ist das Vorspiel seiner Entsorgung. Dingfest gemachte Dinge, auf- und ausgestellt, aus- und ab- und zu- und hinrichtet, in Rahmen gesperrt, aseptisch in Vitrinen verschlossen, in Haft genommen, den schamlosen Blicken der Welt ausgeliefert. Wir befinden uns in der indiskreten Realität der Menschen. Der Gang auf den Markt Totschlag.
Das Museum ein Leichenschauhaus. Aus Sezieren wird Obduktion. Das Museum bringt zur Strecke, balsamiert die Dinge ein und verzurrt sie in Bedeutungen, nagelt sie fest, überlässt sie der autoritären Deutungsmacht, der Deutungswillkür der Könner und Gönner und Kenner und begeisterten Ahnungslosen, der Kunstöffentlichkeit, vernichtet ihre heillos freie verstörerische Unruhe.

VERÖFFENTLICHUNG IST BEFREIUNG

Der Künstler sieht und teilt das terroristische Komplott, er denkt es, er begreift es begrifflosen Sehens, aber er will zeigen was es bewirkt. Und er braucht eine Pause. Aufatmen. Heraustreten aus dem außer seinen Kontrolle aber sich in ihm denkenden Gedanken der Dinge. Befreiung vom Gemetzel. Abschwören. Verraten und verkaufen. Der Künstler weiß, misslingt der Verrat, der Verkauf, kehrt er zurück in den terroristischen Atemraum der Dinge, wieder und wieder, weiter, und so weiter.

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DIE KUNST DES VERMUTENS

Das Modell des connected graph veranschaulicht die Methodik der Bayes’schen Netze (siehe unten*) und der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Teil der diskreten Mathematik. Sie ermöglicht es unter der Bedingung der Unsicherheit zu Erkenntnissen zu kommen. Im terroristischen Atem der Dinge, im sogenannten kreativen Prozess, kunstmytisch, eingehaucht von oben, als Inspiration bezeichneten Prozess, verwischen verrauschen durch unbekannte zufällige Einflüsse die eigentlich zu klärenden Zusammenhänge. Vor aller mathematischen Berechenbarkeit bietet das Modell Einblick in die Kunst des Vermutens, eine intuitiv verständliche Veranschaulichung der konspirativen Zusammenhänge, erlaubt die Vorstellung rein subjektiver Wahrscheinlichkeiten und kann damit wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und berücksichtigen.


 
     

1. Kapitel

     
 

Müllgeburt: Das gescheiterte Projekt Güterbahnhof Wilmersdorf

Bilder

Version: Februar 2011

 Von:     bernue@galerie-imaginaire.de
        Betreff: Projekt Güterbahnhof Wilmersdorf
         Datum: 1. August 2009  20:31:46 MEZ
An:                  maltew@randowkurier.de

 

Lieber Malte,

Du kannst Dir die Fotos meiner „Freilichtinstallation“ auf dem aufgelassenen Güterbahnhof Wilmersdorf  im Netz angucken.

www.galerie-imaginaire.de/placeoffame

 

Ich brauch Deine Hilfe. Die Figur „Nida“ im Kreis der Brikettträgerkästen ruft nach einer fassbaren Bedeutung. It’s your turn!

 

Wann gehst Du wieder mit dem Hund spazieren? Ruf mich an.
Salut!
Bernhard

 

Von:                 maltew@randowkurier.de
Betreff:  Güterbahnhof Wilmersdorf
         Datum: 26. August 2009 23:08:57 MEZ
An:            bernue@galerie-imaginaire.de

 

Lieber bernue,

die Spaziergänge mit Gora tun mir gut. Ich lasse sie jetzt schon mal von der Leine, ohne Angst zu haben, dass sie abhaut oder jemanden anfällt. Heute Vormittag führte sie mich auf den Güterbahnhofs, wo sie sich offenbar gut offenbar auskennt. Stöbert herum und scheucht die Krähen und Spatzen. Von einer Stelle im Gebüsch konnte ich sie allerdings nur mit Mühe weglosten. Ein schöner Ort, weiter Blick über die Stadt, großer Himmel darüber. Durchatmen. In den verseuchten, vom Gleise befreiten Schotterbetten sprießen wunderbar die Sanddornbüsche. Cadmiumgelb leuchtende Perlenketten an den Zweigen. Bis zum Sinken überladen. Sie feiern Auferstehung im Hochsommer. Auch an Blumen fehlt’s nicht im Revier. Ich verzichte aber darauf, sie zu Marmelade zu verkochen.

Noch ist nicht entschieden, ob die Natur die Industriebrache zurückerobert und heilt oder sie auf Dauer verschandelt, vergiftet und vernichtet bleibt. Im Ernst und mit Max: Ein schöner Ort der systematischen Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens wesensfremder Realitäten auf einer augenscheinlich dazu geeigneten Ebene. Sicher bist du hier schon zum Finden verführt worden.

 

Kein schöner Ort, ein Tummelplatz für Wandalen, sehr beliebt bei Grafittyfreaks. Nicht gerade ein hot spot und sicher kein place of fame, beliebt bei Friedenauer Gassigängern. Man kommt ins Gespräch. Über Hunde, was sonst. Gora scheißt ins Gestrüpp und ich kann das obligate Tütchen in der Tasche lassen. Die Gleisbetten, das Pflaster der Bahnsteige, die Rampe der Lagerhalle, alles ist übersäht mit Fetzen, Scherben, Bruchstücken, Verpackungen, mit Knüll und Schutt und Schrott und Müll.

An einer augenscheinlich frisch abgekippten LKW-Ladung, einem großen Hümpel Plastikmülls, treffen Gora und ich auf eine Dame mit Hündchen. Gora mag den Pudel nicht. Wau-wau, ghrrr. Frauchen nimmt ihren Liebling sogleich an die Leine und verlautbart, sie werde beim Ordnungsamt anrufen. Kein Wort über die Hunde. Kein Blick für die Schönheit des Mülls, die harmonisch abgestimmte kühle Farbenpracht, die Anordnung der Teile, selbstherrliche Selbstdarstellung des Kippens, Schüttens und Gleitens. Ecriture automatique des Materials. Der Frevler und mutmaßliche Entsorgungsgewerbetreibende wird auch kein Auge für die Schönheit seiner Umweltsünde gehabt haben.
Banause.

Salut!
Malte

 

Von:     bernue@galerie-imaginaire.de
        Betreff: Projekt Güterbahnhof Wilmersdorf
         Datum: 28. August 2009 22:30:06 MEZ
An:                  maltew@randowkurier.de

 

Lieber Malte,
danke für den Tipp. Der Müllhümpel ist wunderbar. Ich habe „Nida“ mitgenommen und weitere Fotos gemacht. Stichwort: Nida als Ab-Schaum-Geborene...

www.galerie-imaginaire.de/placeoffame

kuckse dir mal an.

Konstruiere mir dazu, wie besprochen, einen mythischen Unterbau, ein solides Podest. Die Dinge sollen ja eine Bedeutung haben. Selbst haben sie keine Fähigkeit zur Erinnerung - lese ich eben bei Sebald -,  indem die Geschichten, die an ihnen haften, von niemandem je gehört, aufgezeichnet oder weitererzählt werden, leeren sie sich sozusagen von selber aus. Sie werden zu vertrockneten Hüllen ihres Lebens, ihrer Geschichte, Mit uns, wie wenig wir festhalten,

Eine phantastische Gelegenheit, in die Vollen Deiner altphilologischen Klitterkiste zu greifen. Die Stadt, der große Himmel, der Müll und der Kosmos. Bitte schön zeitlos und dunkel. Lass die Kiefern rauschen!

Salut
B

ps.
Ich habe vom Pudel geträumt. Der Hündchen der Dame am Müllhümpel? Er folgte mir nach Hause und veränderte dann irgendwie die Form. Bedrohlich. Bin wieder eingeschlafen. Hab’s vergessen.

 

 

Von:                  maltew@randowkurier.de

        Betreff: Projekt Güterbahnhof Wilmersdorf
         Datum: 1. September 2009 17:18:12 MEZ
An:            bernue@galerie-imaginaire.de

 

 

Das Ding, das ein Kunstwerk sein will, ist leer, bis jeder Hins und Kuns seine Fantasien hineingießt.
Kommen wir ihnen zuvor!

Lieber bernue,

zu deinen Fotos habe ich folgende Assoziationen:

Nida aus dem Plastikmüllhaufen = Venus, die Müll geborene   (>>> Botticellis Geburt der Venus)

Nida in der Lagerhalle = Halle ± Höhle ± Hölle ± Leere ± Unterwelt ± nachts  ± Nichts ...

Nida im Kreis der Brikettträgerkästen = Allegorie der Nachhaltigkeit >>> zyklische Erneuerung

Fundstückkunst: ein wichtiges Glied im Zyklus des Materials  -  verschwenden / zerstreuen / vergehen / vergessen / altern >>> erinnern /  finden / ausgraben
----- der Assembleur – Collagist fügt zusammen, was nicht zusammen gehört und erschafft / erweckt neues Leben >>> nichts geht verloren.
Fundstückkünstler –  Affenkreator.

dazu die Quelle:
Plutarch:  „De Iside et Osiride“

Isis und Osiris liebten einander schon vor ihrer Geburt und wohnten einander im Mutterleibe von Rhea (Nut) in der Finsternis bei.

Osiris brachte die Ägypter von ihrer rohen Lebensweise ab, indem er ihnen den Anbau der Feldfrüchte zeigte, Gesetze gab und zugleich jede Art von Gesang und Musik. Deshalb schien er den Griechen der Selbe zu sein wie Dionysos.

Sein Halbbruder Seth-Typhon stellte ihm mit List nach, dabei hatte er Mitverschworene. Er maß des Osiris Leib heimlich aus und ließ nach seiner Größe eine schöne Lade erstellen. Diese brachte er zum Gelage mit, um sie dem zum Geschenk zu geben, der sie völlig ausfüllen werde, wenn er darin liege. Als keiner hineinpasste, stieg auch Osiris hinein. Da liefen die Verschwörer herbei, warfen den Deckel zu und gossen heißes Blei darüber; dann trugen sie sie zum Flusse hinaus und schickten sie ins Meer.

Weil nun die um Chemmis wohnenden Pane und Satyren das Unglück zuerst erfuhren, nennt man noch jetzt plötzliche Schrecken der Menge „panische“.*(1)

Als Isis davon erfuhr, schnitt sie sich eine ihrer Locken ab...

Hierauf erfuhr Isis, so erzählt man, durch das dämonisch-göttliche Wehen des Gerüchtes von der Lade, dass die Brandung sie sanft an einem Ereike-Baum abgesetzt habe.
Sie legte den Sarg in ein Schiff und segelte davon. Sobald sie in die Einsamkeit gelangt war, öffnete sie den Sarg, schmiegte ihr Angesicht an das der Leiche, küsste sie und weinte.
Da Isis zu ihrem Sohn Horus reiste, stellte sie den Sarg beiseite; aber Typhon stieß auf ihn. Er erkannte den Leichnam, zerriss ihn in vierzehn Stücke und streute sie umher. Als Isis das vernahm, suchte sie die Stücke wieder zusammen... Aus diesem Grunde spricht man auch von vielen Gräbern des Osiris, da Isis für jedes einzelne Glied dort, wo sie es fand, ein Grab errichtete. Andere leugnen das; sie habe vielmehr einige Nachbildungen der Leiche gemacht.
Das sind so ungefähr die Hauptzüge des Mythos (der Ägypter) unter Auslassung des Widerwärtigsten, wozu die gliedweise Zerstückelung des Horus  und die Köpfung der Isis gehören....

Textklitterung nach „Altägyptische Märchen“, Eugen Diederichs Verlag

*(1) Panik und Katastrophismus >>> Triebfedern der wirtschaftlicher und künstlerischer Kreativität für Fortschritt und Nachhaltigkeit

Ideen zur Geburt der Venus folgen.

Salut!
maltew.de

 

 

Von:             bernue@galerie-imaginaire.de
       Betreff: Projekt Güterbahnhof Wilmersdorf
       Datum: 2. September 2009 01:59:06 MEZ
An:                  maltew@randowkurier.de

Lieber Malte,

ägyptisch kryptisch phantastisch gut und sehr abgehoben ist deine Verknüpfung meiner kleinen Nida mir dem Osirismythos.
Geht’s nicht ein bisschen Jetztzeit - iger? Kannst Du nicht über schönschreckliche  heut - ige  Mythen ausbrüten? Ich will weiter glauben, dass du bei aller antiken Sucht auch auf der Höhe der Zeit bist.


Gestern war ich wieder auf dem Bahnhofsgelände. Der Müllhümpel ist weggeräumt. Ordnungsamt. Anruf genügt. Ein dicker, schwarzer Benz kam die Pflasterstraße rauf, Hamburger Kennzeichen. Ein schwarz gewandeter Herr Investor watschelte über das Arreal, guckte hier, guckte da, eine junge Dame, ebenfalls schwarz gewandete aber ohne Hündchen, stakste hinterher, den Schreibblock gezückt. Die Tage der Spatzen und Krähen, des Sanddorn, der Gassigänger, Grafittykünstler und Stückesammler sind hier gezählt.

Salut


B

 

Von:                maltew@randowkurier.de

       Betreff: Projekt Güterbahnhof Wilmersdorf
       Datum: 10. September 2009 10:18:24 MEZ
An:           bernue@galerie-imaginaire.de

 

Lieber bernue,

Unser Projekt ist gescheitert!
Gestern erzählte ich Wolf von unserem Vorhaben. Ich zählte ihm von der Idee, den Osorismythos mit den verstreuten Müllfetzen und  zu verbinden. Gab ihm ein Stichwort mit der zerstückelten und wieder zusammengesuchten O.
Er sagte mir, das Gelände des Güterbahnhofs sei kürzlich Schauplatz eines Kapitalverbrechens gewesen. Ich habe im Netz recherchiert, schicke dir ein paar Pressefundstücke, füge dem nichts hinzu und steige aus.

Pardon!
Malte

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Anhang:_______________________________________Stand: September 2009

Polizei entdeckt Leichenteile in Schöneberg

(0)
2. September 2009, 12:18 Uhr
Polizisten haben in der Nacht zu Mittwoch Teile einer menschlichen Leiche auf dem Gelände des Güterbahnhofs Wilmersdorf gefunden. Die Suche nach weiteren Leichenteilen und Spuren auf dem Areal dauert an, wie ein Polizeisprecher sagte. Zum Einsatz kamen auch Suchhunde. Die Leichenteile waren Augenzeugenberichten zufolge in mehreren Plastiktüten verpackt. Am Vormittag wurden sie in die Gerichtsmedizin gebracht.
Polizisten haben in der Nacht zu Mittwoch Teile einer menschlichen Leiche auf dem Gelände des Güterbahnhofs Wilmersdorf im Bezirk Tempelhof-Schöneberg gefunden. Die Suche nach weiteren Leichenteilen und Spuren auf dem Areal dauert an, wie ein Polizeisprecher sagte. Zum Einsatz kamen auch Suchhunde. Die Leichenteile waren Augenzeugenberichten zufolge in mehreren Plastiktüten verpackt. Am Vormittag wurden sie in die Gerichtsmedizin gebracht.
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Kopf-ab-Killer

Der Totmacher mit den zwei Gesichtern

01. Oktober 2009 17.08 Uhr

Sprachen-Student Martin L. zerstückelte einen Obdachlosen vom Bahnhof Zoo  "Aus Lust am Töten?

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Er führte die Polizei zur zerstückelten Leiche

Der Schlächter von Schöneberg

Martin L. erschlug sein Opfer mit der Axt, versteckte Leichenteile in der Tiefkühltruhe und am Bahnhof

L.: Er selbst ging zur Polizei und führte die Ermittler zur Leiche.

 

Zur Fotostrecke

Berlin – Schwarz sind seine Haare, schwarz ist sein Anzug und schwarz ist seine Seele. Doch wie tief die Abgründe in seinem Inneren wirklich sind, das ist beinahe unvorstellbar. Martin L. ist der Mann, der einen unschuldigen Menschen getötet und anschließend zerteilt hat.

Zerstückelte Leiche:

Polizei sucht nach Zeugen

 

Die Polizei sucht jetzt mit einem Bild des ermordeten Anselm K. nach Zeugen. Die Leiche des Brandenburgers war zerstückelt am Güterbahnhof Wilmersdorf gefunden worden, ein 28-Jähriger hatte sich selbst der Tat bezichtigt.

 

Berlin -  Im Fall der zerstückelten männlichen Leiche, die am Mittwoch in Schöneberg gefunden worden war, ist nun das Opfer identifiziert. „Es handelt sich um einen 42-jährigen Mann aus Brandenburg“, sagte Justizsprecher Martin Steltner. Die Identität sei anhand der Fingerabdrücke geklärt worden. Bei dem Opfer handelt es sich um den 42-Jährigen Anselm K. Inzwischen wurden alle Körperteile gefunden.

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Berlin

Zerstückelte Leiche vom Güterbahnhof identifiziert

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3. September 2009, 15:14 Uhr
Nach dem Fund einer zerstückelten Leiche in Berlin ist das Opfer identifiziert: Es soll sich um einen 42-Jährigen aus dem Raum Berlin handeln. Gegen einen geständigen 28-jährigen Berliner war Haftbefehl erlassen worden. Der Mann soll sein Opfer mit einer Axt getötet haben. Angeblich kann er sich nicht mehr daran erinnern.

Bei dem Toten soll es sich um einen 42-Jährigen aus dem Raum Berlin handeln.

Weiterführende Links

Die auf dem Gelände des Güterbahnhofs Wilmersdorf in Berlin-Schöneberg gefundene Leiche ist identifiziert. „Es handelt sich um einen 42-jährigen Mann aus dem Berliner Raum“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Die Identität sei anhand der Fingerabdrücke geklärt worden.
In der Nacht zum Mittwoch hatten Polizisten auf dem verwilderten Gelände Leichenteile in Mülltüten gefunden. Weitere Teile waren in einer Wohnung entdeckt worden. Der mutmaßliche Mörder hatte sich zuvor bei der Polizei gemeldet und die Tat gestanden.
Gegen den 28-Jährigen sei Haftbefehl wegen des Verdachts auf Totschlag erlassen worden, sagte Steltner weiter. In den Vernehmungen berufe sich der Tatverdächtige auf „alkoholbedingte Erinnerungslücken“. Das decke sich jedoch nicht mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen, fügte der Sprecher hinzu.

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Medienberichte, wonach der Kopf des Opfers noch nicht gefunden und die Tatwaffe eine Axt gewesen sei, wollte der Sprecher unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht bestätigen. Es gebe allerdings keinen Anhaltspunkt, dass der Täter aus dem Trinkermilieu des Bahnhof Zoo stamme, was die Polizei zunächst angegeben hatte. Nach Angaben des Täters sei das Opfer eine Bekanntschaft vom Bahnhof Zoo gewesen.
dpa/AP/kami

 

 

Nachtrag, Dezember 2010:
Axt-Mord
Fast 14 Jahre für Zerhack-Student
24. März 2010 09.14 Uhr, ddp
Student Martin L. (28) zerhackte einen Obdachlosen (42) vom Bahnhof Zoo. Fast 14 Jahre Haft
Wegen Mordes an einem Obdachlosen hat das Landgericht Berlin einen Studenten zu 13 Jahren und 10 Monaten Haft verurteilt. Der 28-Jährige wurde am Mittwoch schuldig gesprochen, im August vergangenen Jahres in seiner Schöneberger Wohnung einen 42 Jahre alten Mann den Schädel mit einer Axt zertrümmert und ihm anschließend mehrere Messerstiche versetzt zu haben. Danach zerstückelt er die Leiche des Opfers, um die Identifizierung des Toten zu erschweren.
Einige Leichenteile wurden im Gefrierschrank seiner Wohnung gefunden. Kopf und Torso der Leiche hatte er in Plastiktüten gesteckt und auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs abgelegt.

 

Millionär unter Verdacht

Zerstückeltes Model auf Müllkippe gefunden

(7)
21. August 2009, 20:01 Uhr
Dieser Mordfall könnte aus der Krimiserie CSI stammen: Jasmine Fiore, ein Ex-"Playboy"-Model, wird ermordet und zerstückelt. Ihre Leiche findet die Polizei von Los Angeles auf der Müllkippe. Der Verdächtige: ihr Ex-Ehemann, Ryan Jenkins. Ein millionenschwerer Banker und Kandidat einer TV-Kuppelshow.

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Aktualisierung

Von: maltew@randowkurier.de
Betreff: zu tisch, zu teufel
Datum: 13. März 2011 14:00:39 MEZ
An: bernue@galerie-imaginaire.de

Lieber Bernhard,

heute auf meinem morgendlichen Gang mit Hund Gora habe ich in der Handjerystraße gleich neben dem Edeka-Supermarkt in der gammeligen, mit allerlei Unrat, wie Platiktüten, Schuhen, Verpackungen, Flaschen, Dosen, Kleidungsstücken und reichlich Lebenmittelresten, der vermutlich von den Schülern der nahen Schule verschmähten Pausenkost, zugeworfenen Ecke unter dem alten S-Bahnbogen, in der vor etlichen Jahren, als die kleine Fläche hinter dem nun halb niedergetretenen Maschendrahtzaun noch derart von Gebüsch verdeckt war, dass der Platz halbwegs vor den Blicken jedenfalls unaufmerksamer Passanten geschützt war und neben dem zertrümmerten Elektrokasten unmittelbar an der seit einiger Zeit unter einem flächendeckenden Grafitty mäßiger Form und mieser Farbe überdeckten Backsteinwand, ein Obdachloser sein Matrazenquartier installiert hatte, habe ich heute das Weiß eines Lakens auf einem Tisch schimmern sehen, darauf verstreut einige bereits angewelkte, rote Rosen. Ein Gedenken für den armen Obdachlosen, dessen Körperteile auf dem Gelände des Güterbahnhofs darüber vor etwa anderthalb Jahren verstreut worden waren, ein Gedenken eben der Tat, die uns dazu gebracht hatte unser Projekt "Müllgeburt" scheitern zu lassen? So schoss es mir durch den Kopf.

Sicher wusste der Einrichter dieses Ortes nicht, welche Bedeutung der Tisch, das Laken, die Rosen an dieser Stelle annehmen und tragen und ertragen sollten. Die Dinge funktionieren nach ihren eigenen, nicht beherrschbaren Regeln. Sie sind und bedeuten, was sie, sie selbst wollen, mag ihr Einrichter sich gedacht oder nicht gedacht haben, was er wolle.

Die Konspiration der Dinge an diesem Ort und zu dieser Zeit, hier wird sie Realität.

Geh mal vorbei, guck's Dir an, vielleicht inspiriert's Dich.

Salut!
Malte

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Von: bernue@galerie-imaginaire.de
Betreff: Re: zu tisch, zum teufel
Datum: 13. März 2011 14:19:24 MEZ
An: maltew@randowkurier.de

Lieber Malte,
danke für den Tipp. Ist der Rosentisch ein Denkmal für den Ermordeten?, fragst Du. Ich für meinen Teil frage nicht nach kryptischen Bedeutungen und setze die "unbeherrschbaren Regeln" außer Kraft nach denen er funktionieren mag. Ein Rosentisch als Werbetablett für die Flyer zu meiner Ausstellung "konspiration der dinge".


Salut nach appropration Art

Bernhard

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Von: maltew@randowkurier.de
Betreff: teufel auch
Datum: 22. März 2011 12:04:21 MEZ
An: bernue@galerie-imaginaire.de

Lieber Bernhard,

heute auf morgendlichem Gang mit Hund Gora habe ich wie schon oft zuvor meine Runde auf dem Güterbahnhofsgelände gedreht, erst in Richtung Hauptsrtaße zum architektonischen Schmuckstück Stellwerk aus den 70er Jahren, dann zurück über die nördliche zu den befahrenen S-Bahngleisen zeigenden Rampe der leeren Lagerhallen, .... vorbei an dem ehemals in eine Werkstatt umfunktionierten Frachtkontainer, dessen offene Tür Einblick in ein .....

 

ff (PKW-Story, wedelnder Schwanz)

 

 

 
     

2. Kapitel

     
 

Leichen im Keller

 

Ein Gespenst tanzt den Mai

von Malte Wienebüttel

 

„Die Idee zu meiner Installation verdanke ich Amtsdirektor Detlef Neumann,“ sagt der in Wollschow seit gut zehn Jahren ansässige Berliner Künstler Bernhard Nürnberger schmunzelnd. In einem amtlichen Protokoll habe er zu seinem Erstaunen die Feststellung des Amtsdirektor gelesen, der Müllskandal Altdeponie Brüssow existiere allein in seiner – Nürnbergers - Phantasie (und der des Stadtverordneten Siegfried Bahnweg). Auf der Brüssower Deponie waren in den 90er Jahren illegal Klärschlämme verkippt worden; es ist ungeklärt, ob die Deponie regulär geschlossen wurde oder nicht. Kosten von 50 000 € für die Schließung fallen - als Nachsorgekosten bezeichnet - jetzt im Jahre 2010 für die Gemeinde an. Die Verantwortlichkeit ist der Öffentlichkeit nicht erläutert worden.

Es ist ein Zeichen

„Es kann kein Zufall sei,“ sagt Nürnberger begeistert, „dass ich beim Erdaushub für ein Bassin innerhalb der Fundamente der ehemaligen Scheune auf unserem Grundstück eine grausige Entdeckung machte, es ist ein Zeichen.“ Zwei Leichen im Keller und zahlreiche rätselhafte Dinge, darunter Gebinde mit dubiosem Inhalt, weggeworfenes Zeugs kamen zum Vorschein, „was eben so auf Deponien landet.“ Seine Begeisterung steigerte sich, als er Monate nach seiner Archäologie, zurückgekehrt von seinem Winteraufenthalt in Berlin sah, dass eine der Leichen auferstanden war. Nicht „im Fleische,“ aber immerhin als Hülle, in grotesker Gebärde über den sortierten Fundstücken schwebend. Alteingesessene Wollschowiter meinen in der Figur Kläre Schlamm zu erkennen, die aus Camp-Lindforth (NRW) stammende Nachwendeverlobte des Stadtverordneten Torsten Wolff und sorgen sich nun, dass sie nun auferstanden, die Bevölkerung gesundheitlich gefährden könnte. „Keine Bange,“ so Nürnberger, „das ist ja bloß meine Phantasie!“ Der Künstler hat bereits einen Sammler für die Installation gefunden, den fränkischen Sonnenkönig Bernhard Beck von beck energy, der 50 000 € berappen will. Die näheren Kaufkonditionen bleiben geheim.  Es ist just die Summe, die Nürnberger und Bahnweg der Gemeinde schulden. „Denn wer die Phantasie hat, muss auch dafür zahlen."*)

 

Quelle: randowkurier das virtuelle Blatt: Neues aus der Anstalt Brüssow, Internet Ausgabe 1. Mai 2010 http://www.randowkurier.de/

*) keine Fantasie ist, dass einige Stadtverordnete von Brüssow glauben oder glauben wollen, dass S. Bahnweg den finanziellen Schaden zu Lasten der Gemeindekasse verursacht hat, weil er den Müllskandal aufgedeckt hat. Die Straftaten aus den 90er Jahren sind verjährt. Nicht aber der Anspruch der Gemeinde auf Schadenersatz. Die Stadtverordnetenversammlung unternimmt bisher nichts, hier eine Klärung herbeizuführen.

 

Der randowkurier kennt keine Unterscheidung von Ernst und Satire. Der Randowkurier ist explizit subjektiv. Inhaltlich verantwortlich für die Texte ist Bernhard Nürnberger. Leserbriefe sind erwünscht. Weitergeleitete Texte stellen nicht unbedingt die Meinung des rk dar. Die Verantwortung dafür liegt bei den Autoren. An Leser, von denen Sie wissen, dass Sie aus Gründen nicht im Verteiler sein wollen oder die ausgeschlossen wurden, bitten wir Sie den randowkurier weiterzuleiten. Falls Sie keine weiteren Zusendungen von uns wünschen, senden Sie bitte eine Antwortmail mit „unsubscribe“ im Betreff an uns zurück. Wir nehmen Ihre Adresse dann umgehend aus unserem E-Mail-Verteiler. Sollten Sie nicht mit "unsubcribe" antworten, dürfen wir dies als Bestätigung werten, dass Sie weiterhin an der Zusendung interessiert sind. Wir freuen uns über die Zusendung weiterer e-mail-Adressen möglicher Interessenten an den randowkurier. Inhalte des randowkurier ist nur für den Empfänger bestimmt, da sie evtl. Geschäftsgeheimnisse oder persönliche oder vertrauliche Informationen enthalten. Unbefugte Empfänger werden darauf hingewiesen, dass Vervielfältigung oder Weiterverbreitung untersagt sind. Bitte informieren Sie die Redaktion des rk sofort über ggf. Falschmeldungen und digitale Übertragungsfehler und löschen Sie die entsprechende Nachricht. Vielen Dank für Ihre Unterstützung


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Im Netz weiteres unter www.randowkurier.de.

 

Szenen aus dem Leben von Kläre Schlamm

Version Februar 2011

randowkurier.de

Ausstellung im Kloster

 Primo von Randow ist irritiert

von Malte Wienebüttel

Prenzlau Begrüßt wird der Besucher der ehemaligen Sakristei im Dominikanerkloster von einem Gesicht, das ihn verschmitzt, schräg von unten anschaut. Es ist ein fein geäderter, rosafarbener Kalkstein, ein typisches Kopfstück, wie Bernhard Nürnberger seine Skulpturen nennt. Der Bildhauer und Maler lebt und arbeitet seit 11 Jahren mit seiner Frau Karin Christiansen, die hier zuvor ihre Holzskulpturen gezeigt hatte, in Wollschow bei Brüssow.

Betritt der Besucher den Raum, so stellt er fest, dass mit ihm schon etliche andere Kunstfreunde anwendend sind. Mehr als 25 Kopfstücke scheinen locker gruppiert auf ein Objektarrangement zu blicken. Ein hohes kubisches Stahlgestänge, in dem oben ein „Gesichterhaltegestrüpp“ schwebt. So nannte es ein etwa elfjähriger Junge. In sich verschlungene, weiß gestrichene Glyzinenstränge, an denen Keramikgesichter befestigt sind. „Ich sehe darin „Das Gerücht“, sagte die Mutter des Jungen. Darunter hängt eine bizarr verdrehte, menschliche Figur. Grotesker Keramikkopf, zerschlissener, fleckiger und weit klaffender Synthetikmantel, Hartriegelzweige. Nürnberger hat sie aus dem Untergrund seiner Hofstelle in Wollschow ausgegraben, sagt er. „Der Mantel stammt von Edith K., die dort vorher wohnte...“

In der Sakristei scheint der Untergrund ebenfalls geöffnet zu sein. Ein rot-weißes Flatterband hindert den Besucher hineinzufallen. Man blickt in eine tiefe Gruft, darinnen die Spiegelbilder der hängenden Objekte. Tief wie hoch, der gewölbte Raum und die Dinge stehen auf dem Kopf. Was ist Realität? Was ist Vorstellung? Was ist wirklich, was wahr, was Fantasie? Unser Besucher kann in den vielfältigen, mimischen Ausdrücken der Steinköpfe seine eigenen Empfindungen und Fragen gespiegelt sehen. Oder er lässt sich vom Reiz und von der Schönheit des Gesteins bezaubern, in die die Physiognomien eingemeißelt sind. Dass die Objektinstallation mit dem Namen FIRLEFANZ hier im Kloster allein seiner Fantasie entsprungen ist, bestreitet der Künstler schmunzelnd. „Das ist eine unbewiesene Unterstellung. Jeder, der hier reinkommt, ist daran beteiligt. Alles fließt, im Untergrund und in den Köpfen.“ Zu hoffen ist, dass der Besucher den Kopf oben, heiter und heil den Ort verlässt.

Die Ausstellung war am 16. 10. eröffnet worden. Kristin Gaethke vom Klosterteam hatte die Gäste begrüßt, die Schauspielerin und Autorin Lore Seichter-Murath ihr Gedicht zur Skulptur „Primo von Randow“ vorgetragen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. November 2010 zu sehen.

 

Appropriation Art

von Freiherr Dr. Malte von Wienebüttel

Prenzlau „Primo und Firlefanz“ ist eine neue Arbeit des Berliner Künstlers Bernhard Nürnberger (*1943). Sie wurde speziell für die Sakristei des Doninikanerklosters Prenzlau entwickelt und besteht mit der Implantierung seiner galerie imaginaire in die Sakristei aus einer Raum füllenden Installation und einem Internetauftritt. Eine Buchpublikation ist geplant. Es ist, so der Künstler, die Ausstellung zum Buch.
Das Kunstwerk mit dem vollständigen, Zeilen füllenden Titel „Primo von Randow und andere Kopfstücke beobachten anlässlich ihrer Besichtigung der historischen Sakristei des Dominikanerklosters zu Prenzlau im Herbst 2010 in der galerie imaginaire die ihnen vom Hörensagen bekannte Fantasie Firlefanz“  konfrontiert eine Gruppe von Kopfstücken des Künstlers, Steinskulpturen, die er physiognomische Fragmente nennt, mit einer  Raum füllenden Assemblage aus Entsorgungsobjekten. Diese verweist inhaltlich auf seine  Plainair-Installation „Leichen im Keller“ anlässlich des Kunstpfades Uckermark am 1. Mai 2010 in Wollschow.

Ausgangspunkte für das Projekt „Primo und Firlefanz“ bilden drei Werke aus seinem Fundus. Sein aus einem uckermärkischen Feldstein heraus-gearbeitetes Kopfstück „Primo von Randow“, sein mit Keramikgesichtern bestücktes Astgeflecht „whysteria raineri“ und der modifizierten Figur der „Kläre Schlamm“.

Die Objektgruppe der Kopfstücke und die Installation  wurden ursprünglich unabhängig voneinander hergestellt. Sie repräsentieren  eigenständig die Phantasie des Künstlers.

Offen für vielfältige Interpretationen kann die Ausstellung als eine dreidimensionale Collage, als Reflexion individueller Arbeitsweise und Ausstellungspraxis, aber auch konkret als visuelle Untersuchung der Beziehung zwischen der

- Umweltpolitik in Brüssow unter den Bedingungen der Nachwendezeit,
- der nachgeholten demokratischen Aufarbeitung und Wahrheitsfindung,
- und den aktuellen Verleugnungsversuchen von Verwaltung und Politik,

sowie deren wechselseitiger Attraktion begriffen werden.

Kritisch sei an dieser Stelle gefragt, ob das Kunstwerk ein Beitrag zur Aufklärung der Brüssower Deponieaffäre ist oder resignativ eine „Verkrunztung“ darstellt, also der Verkunstung gesellschaftlicher und politischer Verkrustungen und so zu deren Mystifikation beiträgt.

Die Arbeitsweise Nürnbergers ist durch die Auswahl und Kombination von Bildern in unterschiedlichen Medien wie Skulptur, Assemblage und Text bestimmt. In seinem Werk analysiert er die Konventionen und lotet die Spannung zwischen gesellschaftlich-politischen gebundener und autonomer Bildproduktion aus. Bereits seine frühen Assemblagen in den 80er Jahren besaßen referenzielle Qualität und seine jüngsten Ausstellungen wurden zu eigenständigen Kunstwerken, in die  jeweilige location,  vorgefundenes Material und seine Kunstwerke  im Sinne der appropriation art – hier auch der Aneignung des Eigenen - einbezogen wurden.

Indem Bernhard Nürnberger  seine Werke in der Sakristei des Dominikanerklosters zusammenführt, unterläuft er bewusst deren bisherige Konnotationen. In einer Zeit, in der das kulturelle Klima zunehmend von Marktinteressen bestimmt wird, verweist „Primo und Firlefanz“ auf die Präzision intuitiver Gesellschafts- und Selbstwahrnehmung des Künstlers im Geist von Samuel Butler: „I do not mind lying, but I hate inaccuracy,“ zitiert der schlanke Mann schmunzelnd. Das genügt.

für die Prenzlauer Zeitung bestimmter, wg. der falschen Behauptung des Plagiats nicht verwendeter ausdrücklich als Kunstwerk ausgewiesener Artikel unter Verwendung des Flyertextes zur Ausstellung „Intolerance“ von Willem De Rooij in der Neuen Nationalgalerie Berlin (2011).

*) Brüssow, im Nordosten der Uckermark gelegen, gilt als die kleinste Stadt Deutschlands. Sie ist Sitz der Amtsverwaltung des Amtes Brüssow, einem Zusammenschluss dörflicher Gemeinden zwischen Prenzlau und der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern.

mehr Informationen: http://www.amt-bruessow.de/

 
     

Exkurs 1

     
 

Knoten und Schleifen

 
     

3. Kapitel

     
 

Grylloi, Käfer & Sirenen
_________________________________

 

 Von: maltew@web.de
Gesendet: Dienstag, 18. August 2009 10:55
An: bernue [mailto:bernue@galerie-imaginaire.de]

Betreff:  Käfer statt Wächter

Lieber Bernhard,
ich schlage dir vor deine Grylloifiguren umzubenennen. 2007 waren sie Wächter des Gryllenkäfigs in Spandau. Wie ich dich kenne, werden sie aber noch in anderen Rollen auftauchen. Jürgens Bezeichnungsvorschlag „Engerling“ bringt mich auf Käfer, Skarabäus.
(Wir sind nicht in der Antike.)
Skarabä,
Skarabi,
Skarabu,
Skarabu,
Skarapu,
Skarapua.
Ein Blick ins Internet.
Unter Skarapua geht es weiter, krytische html-codes:
Top page
#SKARAPUA:♦xxKGuEdfhs. #SKARAPOD:♦rp7wObykog. #SKARAATQ:♦ECU2bXVUkQ #SKARAPOG:♦/ABnGRogMU. #SKARAATO:♦eYi0Seojr. #SKARAPOE:♦h7OXyMAzBQ #SKARAASM:♦JIAnH0kWkE. #SKARAPNF:♦XNHlejNcaQ. #SKARAATP:♦8gbDsRLsYw #SKARAPOF:♦np.0v0Wwjg. #SKARAATR:♦OdyHFuj35w #SKARAPOH:♦/BB.Q1U57E
#SKARAATS:♦eRrjHKl9Tk #SKARAPOI:♦oWJi7fxt9. #SKARAAZH:♦CXkg4mExkQ #SKARAPTX:♦NA4K3rscU. #SKARBEON:♦xMOMavSwOc. #SKARAAZI:♦jiM9Oc.ki. #SKARAPTY:♦mQp0G5I53E #SKARBEOO:♦MQs7uJRUMY#SKARAAZJ:♦lfZmc9KzHw #SKARAPTZ:♦8lLo8qSYwM #SKARBEOP:♦7uJfZfY87Y # SKARAORG:♦PFY3e2yMqI
und so weiter

Hier finde ich also SKARAORG.
Scheint mir brauchbar, los geht es:
Der Skaraorg, m.; die Skaraorge pl.; eine weibliche Form existiert nicht, ebenso wenig ist er real. Seine Lebensform entspricht der von Imagines.
Die Vielfalt an Formen ist enorm. Skaraorge sind die artenreichste Ordnung im gesamten Reich des Materiellen. Man kennt etwa einige Millionen Arten weltweit. In Ländern, die der westlicher Kultur zuzuordnen sind, nehmen sie seit etwas 150 Jahren exponentiell zu. Der Skaraorg erscheint gern dort, wo Gesellschaften bei forcierter Energieumwandlung die damit verbundene Entropieproduktion nicht berücksichtigen. Dazu gehört vor allem die Produktion von Abfallstoffen. Der Skaraorg ist die Antwort des geschundenen Materials durch den Menschen. Jenseits der subventionierten Versuche durch Wirtschaft und Politik die Umweltbelastung durch die Entropieproduktion zu verringern. Neuere Untersuchungen zeigen alllerdings, dass er selbst Teil der Entropieproduktion wird, bzw. es nicht schon ist.
Der Skaraorg gehört zur Ordnung der mythischen Käfer (skarabaeus), gliedert sich in zahlreiche Arten, variiert stark in der Gestalt, weist aber zwei typische gemeinsame Merkmale auf: Ein Teil der Gestalt des  Skaraorgen ist versintert (gepanzert), der andere weich, sie überlappen nicht, sondern grenzen fast nahtlos aneinander. Das Körperglied lässt die bei Insekten geläufige Gliederung von Thorax und Abdomen noch erahnen. Es ist aus diversen, sehr heterogenen Komponenten zusammengesetzt. Alle Arten sind bewegungsunfähig, da sie keine oder stark reduzierte Beine oder Flügel besitzen. (…)
Die meisten Skaraorge pflanzen sich sexuell fort, aber auch Parthenogenese kommt vor. (…) Für das Zusammenfinden mit einem Partner, ausschließlich einem Mann, spielen meist optische Reize, aber auch Duftstoffe (Pheromone) die entscheidende Rolle. Man vermutet, dass dies dem Anlocken des Sexualpartners, in den meisten Fällen aber der Abwehr von Feinden dienen. Leuchtskaraorge sind in der Lage, künstliches Licht zu erzeugen. Vor der Paarung findet bei vielen Arten eine Balz statt. Ein Tanz von Mann und Material. Im Geschlechtsakt wird der Mann so gesteuert, die Komponenten in die Anordnung zu bringen, die sie „skaraorgisch“ verlangen, dass er der Illusion erliegt der Kreative zu sein. Gelingt der Akt, machen die Komponenten eine vollkommene Verwandlung (Metamorphose) durch. Das entropische Sein des Skaraorgen wird zum Imago. (…)
Sie leben als Imagines in Ausstellungen, meist als Komponenten von Installationen. Nach drei bis sechs Ausstellungen fallen sie in eine Art Erschöpfungszustand, sie verpuppen sich die Skaraorge. Die Puppen sind in der Regel von einer dünnen, schwach gefärbten und genoppten Hülle umgeben, manche Arten bilden einen von Seide umgebenen Kokon. Die meisten Puppen befinden sich in unterirdischen Archiven, manche dagegen oberirdisch in Lagercontainern….
Genug für heute, Fortsetzung folgt
Salut
Malte.


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Von: bernue [mailto:bernue@galerie-imaginaire.de]
Gesendet: Dienstag, 18. August 2009 11:58
An: maltew@web.de

Betreff:  Käfer statt Wächter

Meine Güte Malte, auf welchem Trip bist Du denn?
Später mehr, ich bin sehr mit dem Rakubrand draußen im Garten beschäftigt. Gaby ruft: Der Fuchs, der Fuchs!

… bitte, bitte keine Fortsetzung.
Salut!
Bernhard
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Von: bernue [mailto:bernue@galerie-imaginaire.de]
Gesendet: Samstag, 22. August 2009 20:01
An: maltew@web.de
Lieber Malte,
tschuldige bitte die letzte Mail, war alles ein bisschen hektisch. Jetzt mit etwas mehr Muße: Danke für deinen Text. Bitte verstehe meine Bedenken. Er scheint mir etwas sehr synthetisch. Deine html-top page allein macht noch keine Genealogie. Meine eigenen Assoziationen gehen in eine etwas andere Richtung. Einen Namen habe ich allerdings nicht. Vielleicht ergibt er sich aus der Geschichte und nicht umgekehrt, wie du es gemacht hast. Die Wächter als Mischwesen haben etwas von den antiken Sirenen, Nixen, Nereiden.
Bitte keine Hormone für meine  Grylloi!


Salut. Bernhard

 

Von: maltew@web.de
Gesendet: Dienstag, 25. August 2009 00:15
An: bernue [mailto:bernue@galerie-imaginaire.de]

Betreff: Sirenen, Sirenen Sirenen Sirenenenenenenenejajanenejaja

Schlag nach bei Sirenidae!
Den Armmolchen. Sie gehören zur Familie der Schwanzlurche und sind Dauerlarven! Und sie sind bereits für die Zeit vor 130 Millionen Jahren fossil  belegt. Bei ihnen fehlen die hinteren Gliedmaßen und die Beckenknochen. Dennoch werden sie ohne Metamorphose im Larvenstadium geschlechtsreif. Das wird in der Zoologie als  Neotenie bezeichnet. Bei den Grottenolmen ist der mangelnde Jodgehalt im Wasser die Ursache für die Neotenie, Schilddrüsenunterfunktion. Mit künstliche Hormongaben kann man die Metamorphose herbeiführen und aus der Larve einen herrlichen Tigersalamader (!) machen.

Von: bernue [mailto:bernue@galerie-imaginaire.de]
Gesendet: Montag, 31. August 2009 04:10
An: maltew@web.de

Schluss jetzt!
B

 

Von: maltew@web.de
Gesendet: Montag, 31. August 2009 12:59
An: bernue [mailto:bernue@galerie-imaginaire.de]

Héhé bernué,
was wurde aus dem Rakubrand? Was ist ein Fuchs? Wer ist Gaby?
Ich spinne meinen Faden fort!
 Ich lese bei Wikipedia, dass der Grottenolm wegen seiner hautähnlichen Körperfarbe im Kroatischen und Slowenischen „Menschenfisch“ heißt. Die mythische Sirene in der Variante Frau-Fisch, in der sie nach der älteren Form Frau-Vogel auch dargestellt wird. In Jacob van Maerlants „Der naturen bloeme“ finde ich zwar neben dem Bild einer Fisch-Frau-Sirene einen „Seemönch“, der einen Ahnen deiner lurchigen Wächter geben könnte. Aber damit endet die Geschichte schon. Die Sirenentradition von Odysseus bis zum Physiologus scheint mit unbrauchbar. Zuviel Gesang, Verführung und Moral.

----Es muss auffallen, dass der Physiologus den Gesang der Sirenen zu einem schlimmen Wiegenlied gemacht hat. Ob ein Sprichwort Salomons den Wandel bewirkt hat? Man vergleiche den biblischen Text Proverbia  23, 33-34 : „Deine Augen werden Ausländerinnen sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge sprechen, und du wirst sein wie einer , der mitten auf dem Meer schläft, und wie ein Steuermann, der im Drogenschlaf die Ruderpinne losließ.“-----
*

__________________

 


Materialmimen

Die Materialmimen gehören zur Familie der SKARAORGE*, sie sind deren flache Variante. Skaraorge sind überall. Wie die meisten Skaraorge pflanzen sich auch die Materialmimen sexuell fort, aber auch Parthenogenese kommt vor. Für das Zusammen-finden mit einem Partner, vorzugsweise einem Menschen, spie-len optische Reize sowie Pheromone eine entscheidende Rolle. Man vermutet, dass diese dem Anlocken des Sexualpartners, in den meisten Fällen aber der Abwehr von Feinden dienen. Vor der Paarung findet eine Art Balz statt. Der Tanz von Material und Mensch. Während der Vereinigung bringen sich die Kom-ponenten in die Anordnung, die sie „skaraorgisch“ begehren. Dabei wird der Mensch so gesteuert, dass er der Illusion erliegt, der Kreative zu sein. Gelingt der Akt, gelingt die Verschmel-zung, gelingt die Metamorphose, gelingt das Werkstück. Aus dem entropischen Sein des Materials wird ein Imago.
Materialmimen sind Schauspieler und stellen Schauspieler dar. Sie rematerialisieren einen flüchtigen Moment aus dem Theater, einen Handlungshöhepunkt, der längst vergangen ist.  Die wissenschaftliche Zuordnung der bisher bekannten Imagines zu bestimmten Schauspielerpersönlichkeiten ist naturgemäß kom-pliziert. Die Forschung ist in den Anfängen. Lediglich die Identifizierung der so genannte Sharakugruppe ist gesichert.
Die in dieser Ausstellung gezeigten Materialmimen sind nur partiell ausgebildet. Dies ist zusammen mit ihrer flachen Beschaffenheit eine vorausschauende Konzession an die zwar nur mitunter drangvolle aber  um so mehr gewünschte Besucherdichte in der Galerie des Vereins Berliner Künstler.

Malte Wienebüttel, im März 2011


*Bernhard Nürnberger, Der Gryllenkäfig, Berlin 2010, S. 48 ff

 

*

Beckett (ggf. zu Kapitel 4. Grylloi)

(Mail ohne Datum)

Lieber Bernhard,

die Sonne scheint, da sie keine andere Wahl hat, auf das Nichts des Neuen hier in Wollschow, ich sitze in Eurer Veranda, geschützt vor dem kalten Wind, und lese im Feuilleton der Süddeutschen. In den Fenstern kreisen die Spiegelungen der Windräder und lassen mich horchen, hört man sie? - mäßig laut heute, durchaus überhörbar. In der Zeitung ein Artikel zu einem Bilderbuch über Beckett. Ein Foto zeigt ihn, wie er als banaler Urlauber auf  seinen dürren Beinen durch das glühend heiße Tanger storcht. Wegen des Nichts der Beckett’schen Waden hat die Sonne keine andere Wahl, sie verzichtet auf die Schatten.
Rezensent alex schreibt: „Die langen Beine erinnern daran, dass Beckett, der in den siebziger Jahren nur noch Körperfragmente auf die Bühne brachte, Menschen, die sich nicht mehr frei bewegen können, Rumpfexistenten, deren Körper nicht mehr funktionieren, dass dieser Mann in frühen Jahren frenetisch Sport trieb,….“

Was ist aus Deiner Idee geworden, deine gryllitischen Figuren in Müllcontainer gesteckt zu fotografieren?
Jürgen schrieb seinerzeit mal, sie erinnern ihn an Wladimir und Estragon aus Warten auf Godot und das hindere Dich es zu tun, weil es beckettistisch sei.

Bleibst Du dabei?

Salut!
Malte

 
     

4. Kapitel

     
 
Lorna
 
     

5. Kapitel

     
 
Der Traum des barberinischen Faun
 
     

6. Kapitel

     
 

Abguss-Sammlung antiker Plastik & großer Pilze

Textfragment 1

Was passiert, wenn ich handgreiflich werde gegen die natürliche, schöne Form eines Feldsteines und einer calvatia gigantea?

1. Meine Finger, meine Hand durchstoßen die glatte, wunderbar weiße, weiche Haut eines Riesenbovisten, tasten und greifen zu im Innern und hinterlassen einen nur vage vorstellbaren Raum.  Das Objekt zeigt nicht den Pilz, nicht den Griff. Es zeigt den Raum, den der Pilz hinterlassen und die Formen, die der Griff hinterlassen hat. Innen war außen, außen war innen.

2. Mein Hammer zerschlägt einen Stein, kopfgroß und gerundet wie eine calvatia gigantea. Die Granitsplitter durchbohren Haut eines Riesenbovisten. Sein Fleisch bettet sie ein und versteckt ihre spitzige Form. Das Objekt zeigt nicht die Haut, nicht das Fleisch, nicht den Stein. Es zeigt den Raum, den der Pilz hinterlassen hat. Und die Formen, die versteckt waren, die es im Stein nicht gab vor dem Schlag.  Innen bleibt innen.

3. Splitter im Kopf des Betrachters.

 
     

exkurs 2

     
 

 

Aktrapport

 

 

 
     

7. Kapitel