Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: zeughaus

Die Dinge im Bereitstellungsregal

(Fünftes Kapitel)
Die Verfasser erhalten die Erlaubnis, die große Universität der Künste zu besichtigen; die Universität wird weitläufig beschrieben. Die Künste, womit sich die Professoren beschäftigen. (...)

Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter. Denn es ist klar, dass jedes Wort, das wir sprechen, in gewissem Maße eine Verkleinerung unserer Lungen durch Abnutzung bedeutet und folglich zur Verkürzung unseres Lebens führt. Es wurde deshalb folgender Ausweg vorgeschlagen: Da Wörter nur Bezeichnungen für Dinge sind, sei es zweckmäßiger, dass alle Menschen das Zeug bei sich führten, das zur Beschreibung der speziellen Angelegenheit, über die sie debattieren wollen, notwendig sei. Diese Erfindung wäre sicherlicher umgesetzt worden, wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel und den Analphabeten gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen verböte, nach Art ihrer Vorfahren mit ihren Zungen zu reden. Welch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Kunst und der Wissenschaft ist das gemeine Volk!

Dem Anhänger dieser Idee, piecemaker B* gelang es, in der Bibliothek der UdK das neue wegen ungeklärter Brandschutzfragen für viele Monate nicht mit Büchern bestücktes BHereitstellungsregal mit seinen Dingen und Werken zu besetzen. Damit ist als Modellversuch die Realität in den Regalen angekommen, was zur Zeit Swifts am Widerstand des Pöbels scheiterte. Das Bibliotheksgebäude ist zum Zeughaus geworden, in dem Leute zusammenkommen können, die Kunst der Dinge ausüben. Nach einer Evaluierung wird sich die gesamte Bibliothek nach und nach mit griffbereit
da liegenden Dingen füllen, die erforderlich sind, um Material für diese Art künstlicher Konversation zu liefern.
Ein großer Vorteil für die Beförderung dieser Erfindung einer materialbasierten Universalsprache ist heute, das wollen wir an dieser Stelle nicht verschweigen, dass die Bibliotheken sowieso in allen zivilisierten Nationen wegen der Digitalisierung überflüssig werden und die Bücher und mit ihnen die Wörter in den Kellern verschwinden. Die frei werdenden Regale lassen sich daher ohne großes Aufheben in Bereitstellungsregale für die Dinge umwandeln und die Künstler und Gelehrten können in diesen neuen Zeughäusern in großer Bequemlichkeit und ungestört von Belästigungen durch den Pöbel auf der Straße ihre Kunst ausüben und zur schönsten und üppigsten Blüte bringen.

Swift & Wienebüttel

 

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