Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: thesaurus

thesaurus capitalis 1

Man kennt die Situation, ein aufgegebenes Geschäft. Das hier war eine Bank. Zwischennutzung bis zum Einzug eines neuen Gewerbes. Die Kunst zieht ein. Für umsonst. Der Besucher tritt an den Tresen und weiß Bescheid. Blick auf einen Tresen. Blick in einen Tresor. Massive und hohle Körper auf Stelen hinter dem Tresen. Matrizen und Modeln im Tresor. Hier gibt es kein Geld, keinen Service, keinen Kredit. Keine Zinsen. Keine Dividenden. Hier wird nicht gezockt. Was nun? Hilft der Titel THESAURUS weiter? Sind das Zeug im wertentleerten Tresor und die Sachen auf den Stelen dahinter Schätze? Wurden sie durch ihre Aufstellung hier in der aufgegebenen Bank zu Kunstschätzen? Welcher Anlagewert erzielt welchen Gewinn?

Auf dem Tresen ein Stapel Formulare. Der Besucher soll wohl tätig werden. Ausfüllen. Seine persönliche Anmutung zu der Raum- und Objektsituation anhand von polaren Begriffen gewichten. Eine Auswertung wird versprochen...

In dieser Installation hat Lorna ihren ersten Auftritt (Bild links, Figur rechts). Sie figuriert mit einem anderen Figuranten als securitygard. Diskretion für diejenigen, die ihre Anmutung zu Papier bringen wollen. Es ist Lornas coming out. Hier noch ohne Robe. Ihre Erzählung hat begonnen, sie lebt und bekommt eine Biografie.
Wenn nicht mehrere.

Man kennt die Situation, Krach in der Künstlergruppe. 2004 in der ehemaligen Bank im ehemaligen Rathauses Friedenau. Crash in der Bank. Nobody is too big to fail. Liegt es am Flair des Ortes? Lehman – brothers, die Spekulationsblase platzt? Kein Rettungsschirm in Sicht. Verlust welchen Vermögens? Leichthin sagt man Künstlern visionäre Fähigkeiten nach. Lehman wird 2008 sein. Die bad bank ist noch nicht erfunden. Occupy auch noch nicht.

Malte Wienebüttel, 2004

*

Installation und Gestaltung unter den Bedingungen
des Brandschutzes

Die Materialien der Montage - ein kubischer Rohrrahmen, in dem Objekte platziert sind - sind Metall, Gips, Naturstein und Spiegelglas, so dass keine Brandschutzbedenken bestehen dürften.
Auf das Vorhaben, über den Kubus ein großes, ihn überragendes, weiß gestrichenes Astgeflecht zu montieren, verzichtet der Künstler, um eine Diskussion zu vermeiden, ob es sich hierbei um ein Element handelt, das, entsprechend dem Text des ihm vorliegenden TÜV-Gutachtens „eine örtlich begrenzte, geringe Brandlast“ darstellt, das „aus Sicht der Unterzeichner keine zusätzliche Brandgefahr“ darstellt, oder nicht. Das Objekt misst 2 x 2 x 2,5 Meter und ist in der Mitte des Lichthofs aufgestellt. Es dürften also auch keine Sicherheitsbedenken in Bezug auf die Frage der Fluchtwege aufkommen.
Es handelt sich also um eine gänzlich unbrennbare Lösung.

In kalkuliertem Abstand vor dem Rohrrahmen ist auf einem Bildhauerbock ein Modell desselben, gekrönt von einem Drahtgeflecht en miniature, beides nun Teil der Gestaltung, so platziert, dass der geneigte Betrachter selbst sich die Arbeit machen kann, das Geflecht von einem individuell zu findenden Blickpunkt aus in den großen Rahmen des „kapitalen Schatzhauses“ perspektivisch hinein zu projizieren, in der Gestalt, dass er so das vollständige Werk auf seiner Netzhaut installieren und sodann an diesem Bild seinen Geist entzünden kann. (Wer seinen Augen traut, braucht nicht zu deuten.) Für nicht geneigte oder unneigbare, aber vorstellungsbegabte Betrachter entsteht, entflammt ohne den Umweg über die Netzhaut das Kunstwerk als lodernde Baustelle im Kopf. (Wer seinem Verstand traut, braucht sich nicht zu bücken.)
Im ersten Geschoss der Bibliothek befinden sich den kurzen Seiten des den 3. Lichthof umlaufenden Geländers zwei Spiegelmontagen, in denen die Baustelle thesaurus capitalis sich ebenfalls abbildet.
Malte Wienebüttel

Bilder folgen