Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste Berlin ISBN....................

Kapitel: sun art

Dokument 1

Landart – das ist die künstlerische Überprägung eines Naturraumes oder einer Kulturlandschaft. Die umgebenden Natur dient dem installierten Kunstobjekt nicht als bloßer schöner Hintergrund, sie geht eine ästhetische Symbiose mit dem Werk ein, sie wird selbst Bestandteil der Kunst.
sun/art energy entwickelt Konzepte der ursprünglichen Land Art in Projekten energetischer Kunst kreativ weiter. sun/art energy revolutioniert bisherige Konzepte der „Erneuerbaren“, indem in synergetischer Kooperation mit embedded artists Problemlösungen für die komplexen Aufgaben gefunden werden, vor die uns die Energiewende stellt.
Sun/art energy wendet sich mit der Idee an die Stadtverordneten von Brüssow, ein innovatives, in das sensible Ökosystem der umliegenden agrarischen Lebenswelt integriertes, den neuesten Technologien und modernsten Kunstentwicklungen entsprechendes Werk zu realisieren. Als Standort wird die malerische Gegend südlich von Grimme vorgeschlagen. Die Gemeinde Brüssow leistet damit in Kooperation mit sun/art energy einen großartigen Beitrag für den globalen Klimaschutz und für die unmittelbare Umwelt in ästhetischer, und für die Industrien im Südwesten unserer Republik in energetischer Hinsicht. Ökologisch bedeutsam ist darüberhinaus der Erholung des Bodens und dessen Wiederanreicherung mit natürlichen Nährstoffen der Flurstücke, die mit den Solarpaneelen überbaut werden. Die Installation „Solarkunstwerk Grimme“ steigert die touristische Attraktivität Brüssows.
Das „Solarkunstwerk Grimme“ bettet sich als kristalline Struktur in das einzigartige nacheiszeitliche, sanft hügelige Landschaftsbild der Uckermark ein, dieses umspielt, im steten Wandel der Jahreszeiten seine Erscheinung ändernd, die statische Installation. Das „Solarkunstwerk Grimme“ verbindet avantgardistische Skulptur, High Tech und nachhaltige Entwicklung und versteht sich als wegweisendes, prozesshaftes Projekt in der beeindruckenden Zukunftsdynamik der Region Uckermark. Den Amtsträgern entgeht aufgrund der durch die bevorstehende Absenkung der Einspeisevergütung für regenerative Energien nach dem EEG gebotenen Eile leider die Möglichkeit, sich in einer längeren Einstimmungsphase ihr generelles Wohlwollen gegenüber dem Investors mittels „allgemeiner Klimapflege“ im Vorfeld abkaufen zu lassen. Allerdings kompensiert der Tatbestand der künstlerischen Vorteilsgewährung diesen Mangel voll und ganz.
Die avisierte Akontozahlung bei Fertigstellung realisiert das Gegenseitigkeitsverhältnis von Vorteilsgeber und Vorteilsnehmer, indem es die Dienstausübung der Amtsträger mit der Interessen des Investors an der Gewinnmaximierung im Sinne einer effektiven energetischen Ausnutzung des Solarfeldes und die Optimierung des Eingriffs in das Landschaftsbild ebenso hoch gewichtet, wie die Belange der Bewohner an der ästhetischen Aufwertung ihrer Wohnlagen. Die Höhe der Zahlung ist demgemäß mit der Größe des Solarkunstwerkes verknüpft. Die Akontozahlung motiviert darüber
hinaus die Gemeindevertreter als untaugliche Täter perspektivisch zu einer anhaltend investorenfreundlichen Politik. Die Gemeinde- und Verwaltungsspolitik hat die Chance ihren Fokus weiterhin im Warten auf weitere Investoren zu richten.

Mit dem Ja zum vorliegenden Aufstellungsbeschluss für die Satzung des vorhabenbezogenen Bebauungsplans „Sondergebiet Solarkunstwerk Grimme“ der Stadt Brüssow bekennen sich die Amtsträger vorbildhaft zur modernen Kunst, und zu ihrer Überzeugung, dass die Bürger sich mit dem Kunstwerk arrangieren werden.

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15. Mai 2010

Kein Solarkunstwerk Grimme! Der Bürgerprotest gegen die Kunst-Überfrachtung der Landschaft um Brüssow zeigte Wirkung. Am 11. Mai lehnten die Stadtverordneten (SV) von Brüssow das Projekt einstimmig ab. Die Stadtverordneten übernahmen bei ihrer Begründung inhaltlich die Argumente und Bedenken der Bürger.

Die Bedingungen für den Erfolg waren günstig.
1. Die Verwirrung der SV durch die unerwartet hohe Anzahl informierter Bürger in der SVV am 13. April und ihre „Betreuung“ während insgesamt drei Versammlungen bis zur Entscheidung.
2. Der große Zeitdruck, unter dem sun/art energy stand. (Wegen der bevorstehenden Kürzung der Einspeisevergütung gemäß den Erneuerbaren Energien Gesetz).
3. Die Vertreter der Firma machten falsche und allzu widersprüchliche Angaben. Panische Projektierung: Einstieg mit 80, Anstieg auf 130, Abstieg auf 40 Hektar.
4. Sun/art energy war den Argumenten der Bürger nicht gewachsen.

5. Amt und Gemeindevertreter hatten erkannt, dass Verfahrensfehler das Genehmigungsverfahren anfechtbar machten.

6. Die angekündigten „Akontozahlungen nach Installation“ (= Schmiergeld), waren durch die Schrumpfung des Projektes auf 40 Hektar so zusammengeschmolzen, dass sie für die Amtsträger in keinem erträglichen Verhältnis zum anhaltenden Stress mit den Bürgern standen.

7. Die Lüge der Firma sun/art energy in der Beschlussvorlage, die Grundstücke für das Bauvorhaben seien durch Vorverträge mit den Landeigentümern gesichert.
8. Die SV konnten so die Argumente der Bürger, die sie zuvor wegen ihrer zugespitzten („Lügner, Ganoven“) Form im randowkurier kritisiert hatten, in den zivilen Wendungen „ unseriös, unglaubwürdig“ ohne Gesichtsverlust übernehmen.
9. Die abenteuerliche, unglaubwürdige Konstruktion zur Gewerbesteuer von sun/art energy.
(Ankündigung einer Abtretungserklärung der Heimatgemeinde der Firma.)
10. Ein durch den Deponieskandal angeschlagener Amtsdirektor.

11. Nicht zuletzt: Die schnelle Information und Kommunikation über den randowkurier und via Internet.

Es war nicht notwendig eine „Bürgerinitiative gegen ein Solarkunstwerk Grimme“ zu gründen. Es hat sich gezeigt, dass eine starke Gruppe von Bürgern die Qualität der uckermärkischen Kulturlandschaft als Kapital von Brüssow einschätzt, das nicht verschleudert werden darf und dass Einigkeit besteht in der Liebe zum Landschaftsbild.
Die Bürger mögen es vor allem traditionell: Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund.
Ohne modernistischen Firlefanz.

BN/WM