Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: satyrs traum

anlässlich der Ausstellung

der schlaf des faun gebiert ungeheuer

vom 27. März - 13. Juni 2010 in der Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin erscheint die Montagefigur Lorna dem Abguss des barberinischen Faun im Traum.
In der Rolle der ungeheuer tugendhaften Mänade Lorna. Sie verweigert ihm die Lust* und zeigt ihm seine Wirklichkeit, wer er ist und was er ist.

 

* Schlaf Satyr, schlaf und wälze Dich.
Du warst ein Traum, ein hellenistischer Männertraum. Der Traum des ‚anständigen’ Mannes, sagt Stähli. Du warst sein Traumbild und hast als Kontrastfigur vor allem in der Sexualität ein Benehmen verwirklicht, das den Erwartungen einer besonnenen, ausgeglichenen und beherrschten Lebensführung widersprach. In der dionysischen Gegenwelt, in der die Gesetze des Alltags aufgehoben und in ihr Gegenteil verwandelt waren, warst Du, weit über die Visualisierung der sexuellen Bedrohung der in Mänaden ‚verwandelten’ Frauen hinaus, die zentrale Bildmetapher. Dies bedeutete keinesfalls die fiktive Realisierung einer utopischen Emanzipation vom damaligen starren Korsett sexueller Verhaltensregeln. Im Gegenteil: Die sexuelle Ausschweifung hatte sehr wohl ihren selbstverständlichen und akzeptierten Platz beim Symposion. Du und Deine Kollegen Satyrn hingegen führten vor Augen, wie eine Sexualität aussah, die, wie es später Foucault formulieren wird, nicht den Prinzipien einer besonnenen „Verwaltung der Lüste“ folgte. Du hast in Deinem Verhalten, Deinem Aussehen, Deiner Mimik und Gestik sowie in Deiner Sexualität ein Gegenbild gezeichnet zu den von einem Mann erwarteten Verhaltensweisen, dem beherrschten Umgang mit den Leidenschaften. .. Du verhältst Dich „unmännlich“, pflegst sexuelle Praktiken, die Dir eine passive, unwürdige Rolle zuweisen,
und Du bleibst schließlich in Deinen sexuellen Beziehungen, außer zu Tieren, erfolglos.
Es gelingt Dir nicht, Dir Deine Partnerinnen gefügig zu machen. Deine primäre Funktion als Bild, als Satyrfigur war diese Kontrastwirkung. Sie dient der Bestätigung eines Wertesystems, indem sie es auf den Kopf stellt, einen Gegenentwurf dazu präsentierte, der seine eigene Logik besaß, insgesamt jedoch groteske Züge trug und entsprechend auch Euch Satyrn der Lächerlichkeit preisgab. Heute im 21. Jahrhundert bist Du auf andere Weise grotesk, da die körperliche Geste Deines Gemächts, trotz Beschädigung, offenbar eine größere Wirkung erzielt, als Dein vergleichsweise intaktes Gesicht. Du stehst idealtypisch für körperliche Männlichkeit, für unglaubliche Gelassenheit, sagenhafte Unbekümmertheit und befriedigte Lust, nicht zuletzt vermittelt durch die Faszinationskraft der geläufigen fotografischen Darstellungen, die dein Organ bewusst betonen.

 

Bilder folgen