Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: maigespenst

Leichen im Keller
oder
ein Gespenst tanzt den Mai
eine Inszenierung von Bernhard Nürnberger

Auszug aus dem Artikel
„Ein Gespenst tanzt den Mai“
im randowkurier vom 1. 5. 2010.

Von Malte Wienebüttel

„Das konnte kein Zufall sein“, sagt Nürnberger begeistert, „dass ich beim Erdaushub für ein Bassin innerhalb der Fundamente der ehemaligen Scheune auf unserem Grundstück eine grausige Entdeckung machte. Und es sei ein Zeichen.“ Zwei Leichen im Keller und zahlreiche rätselhafte Dinge, darunter Gebinde dubiosen Inhalts mit der Aufschrift „Camp-Lintforth“, weggeworfenes Zeugs kamen zum Vorschein, „was eben so auf Deponien landet.“
Seine Begeisterung steigerte sich, als er, Monate nach seiner Archäologie, zurückgekehrt von seinem Winteraufenthalt in Berlin, sah, dass eine der Leichen auferstanden war. Nicht „im Fleische“, aber immerhin als Hülle, in grotesker Gebärde über den sortierten Fundstücken schwebend. Alteingesessene Wollschowiter sind sicher in der Figur „Kläre Schlamm“ zu erkennen, berühmt-berüchtigt in der Nachwendezeit des wilden Nordostens der Uckermark und sie sorgen sich nun, dass sie, nun auferstanden, die Bevölkerung gesundheitlich gefährden könnte. „Das ist endlich der Beweis!“, strahlt Nürnberger, „ in der Brüssower Gerüchteküche um die dubiose nächtliche Verkippungen von Klärschlamm in die Altdeponie Brüssow im Jahre 1994 brodelt es zurecht.“ 16 Jahre habe das Schichtenwasser im Untergrund Zeit gehabt, den mit Schadstoffen angereicherten stinkenden Sud von der im Gelände etwas höher liegenden Deponie über die Entfernung von etwa drei Kilometern nach Wollschow in ‚meinen Untergrund und Boden’ zu spülen, doziert der Künstler mit Genugtuung.

„Die Idee, das Grabungsergebnis und die Fundstücke zu einem künstlerischen Inszenierung zu erklären und der Öffentlichkeit während das Kunstpfades Uckermark zu zeigen, verdanke ich Amtsdirektor Detlef N. “, sagt der in Wollschow seit gut zehn Jahren ansässige Berliner Künstler schmunzelnd. In einem amtlichen Protokoll habe er zu seinem Erstaunen gelesen, der Müllskandal Altdeponie Brüssow existiere allein in seiner – Nürnbergers - Phantasie und der des Stadtverordneten Siegfried Bahnweg.

Die Inszenierung zeigt darüber hinaus, dass Lügen die sprichwörtlichen kurzen Beine haben, und unrechtmäßiges Tun die tauglichen Täter - hier Umweltsünden und Vertuschungen - nicht weit tragen. Alles kommt an den Tag, sogar Kläre Schlamm. Und das ist gut so in der Uckermark.

Nachdem ein Ermittlungsverfahren wegen § 326 StGB (vorsätzlicher unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abfällen) gegen Torsten W. von der Staatsanwaltschaft Neuruppin wegen Verfolgungsverjährung eingestellt worden war...


Prenzlauer Zeitung 5. 2. 2010

Deponiestreit geht in die nächste Runde.
Die Brüssower Deponie sollte von 1994 bis 1996 geschlossen und rekultiviert werden. Den Auftrag, so Bahnweg, habe damals Torsten W. mit seiner Suckower Firma Uckermärkische Handels- und Umweltschutz GmbH, in einer Bietergemeinschaft mit der TTU Frauenhagen bekommen. Wie Siegfried Bahnweg recherchiert hat, wurde bereits mit Beginn der Deponieschließung 1994 das Wachpersonal entgegen der amtlichenVorgaben abgezogen. Der damalige Umweltbeauftragte der Stadt konnte keine einzige Probe der dann per Lkw angelieferten Materialien nehmen, weil überwiegend in der Nacht geliefert wurde. Das Material sei sofort mit dem Erdreich vermengt und per Planierraupe untergeschoben worden. „Auffällig erscheint auch, dass dieser doch angeblich toxologisch unbedenkliche Klärschlamm von der Ortschaft Kamp-Lintfort nahe der holländischen Grenze quer durch Deutschland in die circa 850 Kilometer entfernte, unbewachte und unbeleuchtete Deponie Brüssow gefahren wurde“, so Siegfried Bahnweg.“
Prenzlauer Zeitung titelt am 14. 10 2010
Gutachter: Kein Gift im Grundwasser
Im Artikel heißt es, mit Spannung hätten die Brüssower in der Stadtverordnetenversammlung die Ergebnisse der Messungen erwartet, die jetzt im Grundwasser der Mülldeponie durchgeführt wurden. Die Deponie habe in der Vergangenheit für Wirbel gesorgt. Die hydro-geologischen Untersuchungen ... hätten ergeben, dass keine Schadstoffe aus dem Deponiekörper gelöst würden. „Das bedeutet im Klartext“, sagte der Gutachter, „dass kein Handlungsbedarf besteht“. Es gingen keine Gefahren von der Deponie aus. Bernhard Nürnberger merkte nach der Versammlung an: „Dass jetzt nach 14 Jahren keine Schadstoffe mehr im Grundwasser nachweisbar sind, ist keine Überraschung. Diese lange Zeit hätte gereicht, um Giftstoffe abzutransportieren.“ Amtsdirektor Detlef N. entgegnet dazu später, auf Nachfrage der Autorin G. : „Wie alle bisherigen sind auch diese Aussagen von Herrn Nürnberger nicht bewiesene Unterstellungen. Die Deponie wurde 1994 ordnungsgemäß geschlossen.“

 

Randowkurier, Mai 2011

Deponie geschlossen!

Mit 15 Jahren Verspätung. Sie ist verschlossen mit einer glatten, ebenmäßigen Oberfläche, wie es die technische Zeichnung aus den Akten von 1994 vorschreibt. Perfekt! Wir wissen, dass die Fertigstellung der Schließung den Amtsdirektor Detlef Neumann Lügen straft. Er hatte stets darauf beharrt, die Schließung sei bereits nach Recht und Gesetz vollzogen. Wir wissen, dass der Stadtverordnete Torsten W., der 1994 illegal Klärschlamm - Sondermüll - in der Deponie verkippte und den Brüssowern den Bären aufzubinden versuchte, er habe dort Kompost verbracht. Er hat Glück gehabt, wegen Verfolgungsverjährung. Wir wissen, die Mehrheit der gewählten Stadtverordneten ficht es nicht an, öffentlich jedenfalls, dass die Gemeindekasse durch die erzwungene späte Schließung mit 50 000 Euro belastet wurde. Und wir wissen, mit der erfolgreichen Verhinderung des 130-Hektar-Solarfeldes in der Nähe der Deponie wurde die Finanzierung der Schließung mit sogenannten „Akontozahlungen nach Installation“ (= Schmiergeld) verhindert.

Verhinderung durch Verhinderung sozusagen.

 

Bild folgt