Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste Berlin ISBN....................

Kapitel: lorna of scots

Hidden dip – blind summit

Soyez réglé dans votre vie et ordinaire comme un bourgeois,
afin d‘être violent et original dans vos œuvres.
Flaubert

Hidden dip, says the driver.
He seems to wonder what this does mean. We are driving on one of these
winding single-track-roads obviously. Bleib links, sagt K*. Die Straße nimmt jede Senke, jede Schotterhalde mit. Der Gletscherpanzer der letzten Eiszeit ist vorgestern erst weg geschmolzen.

Blind summit, says the driver.
Keine Chance, verpackt in einem Plastiksack im Laderaum des Transporters, etwas von den Highlands zu sehen. But I smell it. I am back home after so many years of exile in Berlin. It‘s time, 90 year old girl.

I would have liked my arms cut off, then spending any time with my mother, klingt es aus dem Autoradio. Es ist, über sich selbst, die Autorin einer psychologischen Studie über schottische Heranwachsende heute, im Jahr 2008. Sie verbringen gern Zeit mit ihren Eltern. Später singt Paul Wunderlich. Ich hab im Schlaf geweinet. Im Vereinigten Königreich liebt man the German Lied. Later on I am listening to bits of brandnew interviews of eyewitnesses to Hess‘ landing in Scotland in 1941. ...it was a Saturday. It was a very pleasant evening - - - my father and I were at the back of the house under a great big chestnut tree - - - - we heard the unsynchronised engines of a German plane - - - said his father Jack helped the airman out of the plane - - - the locals thought this was wonderful, what had happened to the village. It was a very exciting time for everyone - we were famous - - - gathered up there, waiting for him to be brought in - - - - I got a bit fed up, when Lubitsch and all his people came - - - - -.

*

Frühjahr 2008 in Berlin. B* bot mir einen Job an in seiner Ausstellung in Spandau, im Museum Gotisches Haus. Er mochte die Art meines Auftritts, meine Brautkleidmarotte, Einkaufstüten, Schaumgummi, Lustpolsterfolie, faking an elsabethanian farthingale. Ich liebe schulterlose Kleider. Am I Mary? I am not afraid to become Lorna, Queen of Scots.

Ich soll eine kunstverliebte Lady spielen, staring at some of his pictures. Pretending to be delighted by his paintings. For six weeks, day and night. Dafür hat er ein stroboskopisches Blitzlicht in meinem Kopf installiert. Die Idee dazu verdanke er, sagte mir B* während der Montage, einem Zeitungsartikel über Neuroästhetik, über die Verknüpfung von Kunst und Hirnforschung, speziell der Erwähnung der Tatsache, dass bei Personen, die ein Gemälde betrachten, das sie als schön empfinden, ein zum Belohnungssystem des Gehirns
gehörendes Areal besonders aktiv wird, wie E. T. A. Hoffmanns Professor
Spalanzani eine Figur, eine neue Olimpia, zu bauen, die sodann vor einem Tableau seiner Tafelbilder platziert, in ein somnambüles Entzücken gerate,
tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohn-mächtle oder gar zur Zeit erblinde als höchste Stufe der Hingabe. Er unterließ es jedoch wegen des technischen Aufwands eine solche Figurine neu zu konstruieren, die Verzückung simuliert, das Seufzen, Augen-Verdrehen, das
gelegentliche Ohnmächtig-Werden und das finale Erblinden. Und bat mich, Lorna, die ich schon da war, die Rolle seiner neuen Olimpia zu übernehmen, mit einem simplen Stroboskop an der richtigen Stelle im Kopf implantiert,
beseelt blitzenden Auges Verzückung und Erleuchtung zu zeigen, um so den gelegentlichen Spandauer Ausstellungsbesucher hinein zu reißen in Kunstgenuss, den Genuss seiner Kunst, oder wenigstens zum Hingucken zu animieren, best case jedoch, sein neuronales Belohnungssystem durch den performativen Charakter der Betrachtungssituation zu aktivieren, sich, gemäß dem neuesten Stand der Neuroästhetik, mimetisch zu erregen und, kurzum, sich in rauschhaft Rezeption in seine, B*s, im Flackerlicht zerstückt aufscheinende Malereien zu verkucken, with reckless abandon.

What did happen in Spandau? B* verkuckte sich in mich. Positiv fool. Ich bin’s zufrieden. He is my driver now.

Die Besucher, mainly tourists from US and UK, die den ersten Raum im
Gotischen Haus betraten, in dem ich blinkend Begeisterung für B*s auf Leinwand gemalten Knoten und Falten mimte, hatten anderes im Sinn, als Kunst gucken. Sie schnüffelten nach Nazigeruch, sie suchten nach der Fährte von Rudolf Heß. Blind kamen sie bereits frustriert von der Zitadelle Spandau her, und fragten ungehalten, wo denn jetzt nun, where is that fucking famous Kriegverbrechergefängnis. Zogen ab, nachdem sie kapiert hatten, dass ausgerechnet der
„Gryllenkäfig“ im zweiten Raum der Ausstellung nicht das war, für das sie nach Spandau bei Berlin gekommen waren.

Leeres, nächtliches, ausgestorbenes Spandau. Das stete Blitzen an der
richtigen Stelle.... Ich finde keine Ruhe. Das Gerede der Touristen, this lovely scottish accent. I like it warmed - worrmid. Dieser NAME, den ich hörte. Time seems to flash past backwards and some foggy ideas creeping into and exlodesd in my porcellain jailed mind. Meine vergessene Herkunft. My growing up. Im gnadenlosen Takt leuchtet der Partyblitzer jeden Winkel meiner Hirnschale aus, aktiviert längst Untergegangenes, Gelöschtes, befreit auf nahezu Null komprimierte Datengeister, reanimiert und leuchtet mein geschrumpftes Angstzentrum aus, bringt schmerzhaft bits of the past im zuckenden Blitzlicht zum Tanzen. Traumatic events. Meine Jugend. I lived under a cloud, of which I was not consciously aware. Storm, rain, cold evening showers, the flight of bats, sombre though often majestic manifestations of natural beauty, focused my attension more than the sunlits uplands.

Das geschah in Spandau. I decided to travel back home to the Highlands.
According to the laws of true love falling prey to madness, B* kann nicht anders und will nicht anders, die in diesem Jahr nach der Ausstellung geplante Schottlandreise mit seiner Frau K*, trotz ihres Missvergnügens, ohne mich, seine Figurantin Lorna, unternehmen. Den Konflikt zu mindern, einigen sich die Partner, mich während der Reise in einen Sack zu stecken. Here I am and I love it.

*

Was I afraid? If so, what doe I fear?
Sein NAME.
Ru - d – ol - f - R - u – do - l – f
Rudolf is my blind summit.

*

1936. Mein Besuch der Olympiade in der Reichshauptstadt Berlin. My life’s turning point. Im Rahmen eines Besuchsprogramms der Deutsch-Englischen Gesellschaft und der britischen Schwesterorganisation, der Anglo-German Fellowship während der Berliner Olympiade war ich im Auftrag des Geheimdienstes under cover Mitglied der britschen Delegation. Beim feierlichen Empfang wurde ich Rudolf Heß als Tochter eines Mitglieds des Hermetic Order of the Golden Dawn vorgestellt, als distiguished astrological expert, trotz meines jugendlichen Alters. Hier lernte der Stellvertreter des Führers den schottischen Aristokraten, den Duke of Hamilton kennen.

Am nächsten Tag im Olympiastadion. Sein Blick! Piercing glance! Happening. Striking me. Love at second sight. Coup de foudre. I am going to powder my nose, flüstere ich. Er versteht. Kommt mir nach in irgendeine Männertoilette des Stadions und kaum dass, he whispers in my ear, lätts du it, jess, du it, ju mäk mi kräzi, kaum dass er die Tür hinter, ei loftu giff app mei leiff, I love to give up my leiff, der Stellvertreter des Führers die Tür hinter sich schließt, reißt der Führer himself sie auf, stürzt brüllend zur türkisgrün gekachelten Pisswand und kotzt. Ausführlich. Rrrrücksichtslos. Total. Mit Macht. Ergreifend. Soeben war Jesse Owens erfolgreich der 4. Goldmedaille entgegengekeucht. Ich hasse Jesse Owens.

Irgendwann später spricht Rudolf über die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe und Astrologie, über Geomantik, die Leylinien, die Externsteine und Stonehenge, die große keltisch-germanische Achse. Über seine Bewunderung für archaische Völker, Clans und Stämme und seine Vision, Europa ethnisch in Ordnung zu bringen. I talk about tartan clothing and kilts. Secretly he calls me little hun. Returned home I wanted to have him with me.

*

Während des 2. Weltkrieges umgarnte der MI5 Rudolf Heß mit Informationen, der Duke of Hamilton sei zu Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich bereit. Wir wussten, Rudolf war überzeugt, dass einige deutschstämmige Mitglieder der Royals mit den Nazis sympathisierten, darunter der Duke of Windsor und der Duke of Hamilton, und dass sie einflussreich genug wären, den Kriegstreiber Churchill auszuschalten und mit dem Deutschen Reich einen Separatfrieden durchzusetzen. Der Britische Geheimdienst schmiedet das Komplott, um Hess ins United Kingdom zu locken. In diesem Rahmen
beauftragt mich Ian Fleming, eine astrologische Vorhersage zu fingieren, die den 10. Mai 1941 als günstiges Datum für Rudolf anzeigt, nach Schottland zu einem heimliche Treffen mit hochgestellten Persönlichkeiten der so genannten „British peace party“ zu fliegen. Astrological forecast did in fact indicate to me, that 10 May 1941 was the crucial date for Rudolf and myself. On that day six planets are aligned in the zodiac sign of Taurus and conjoined to the full moon. Ian Fleming wurde nach dem Krieg mit der Erfindung seiner Figur James Bond weltberühmt. Ich nicht.

Und wie bekannt, Rudolf fliegt am 10. Mai nach Schottland, nicht ahnend, dass die Macht des Schicksals ihn mir zugedacht hat, nicht der „peace party“. Ich sitze on a bale of hay near Eaglesham, I am waiting, I am dreaming, I am willing to negothiate seperate Scottish peace terms, but of cause I focuse on my love to Rudolf. Ich höre den Motor der Messerschmidt Bf 110, der Lärm nähert sich, entfernt sich wieder, und unter der im Mondlicht schimmernden Seide seines Fallschirms HE jumps von den Sternen geleitet precisely upon me. Ich empfange ihn, er bricht sich den Knöchel, die Seide breitet sich schützend über uns, als, unakzeptable Missfunktion des Schicksals, der Landarbeiter David McLean, screaming victory auf der Bühne erscheint, sich auf uns stürzt und Rudolf kraft seiner Mistforke verhaftet.

Im Herbst 1941 kommt Lubitsch nach Eaglesham, um die Szene von Hitlers Landung auf demselben Heuhaufen für „To Be or Not to Be“ zu drehen. Laut Drehbuch sollte ich Hitler genau so empfangen wie ich Heß empfangen habe. Aber ich konnte nicht lachen, als der Führer (Bronski) mich kitzelte.
Die Szene wurde abgeändert.

*

Lange lebte ich in Berlin. Rudolf in Spandau. Kein Besuch im Gefängnis
möglich. Ich sah ihn nie. I am Rudolfs hidden dip.

*

Back in Scotland now, I am who I am. At the age of ninety I got the maturity to laugh at Flaubert’s advice (see above). I have been violent and original in my life, so that I shall emerge, smashing all conspiracy theories about Hess’ flight, blinking and light enraptured into the glare of public interest, unveiling my lovestory. Superstar Lorna, Queen of Scots. Who the hell cares about Mary.

My humble message: Ich habe ihn geliebt. Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder lieben, wie ich liebte, auch wenn ich wüsste, dass am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt. Gleichgültig was Menschen tun, dereinst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen. Ihm werde ich mich verantworten, und ich weiß, er spricht mich frei.

*

No hard sholders for hundred years, stottert der Fahrer.
No shoulders at all. I cut my arms off, spending lifetime without my love.
No hard shoulders for hundred yards, sagt der Fahrer.
We are on a motoway now.

Arrived in Achnahuaigh, mein Fahrer wird mich aus dem Sack hervorziehen, meinen glamour entknoten und entfalten, meine leuchtenden Folien and my shiny follies, my Berliner wrinkles and Nazi creases. As sexy as Leni Riefenstahl. Empty eyed girl.

B* does not know anything. Überhaupt nichts. Poor boy.

Let’s start the fotoshooting as B*’s Scottish love.

 

Lorna of Scots
(aufgeschrieben von Malte Wienebüttel)