Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste Berlin ISBN 978-3-89462-228-2

Kapitel: kunstkomplott

1.

Denn was ich zu tun habe! In meiner Nachbarschaft fallen wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen und alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, die eigene mit mir, was man hinauf gibt, das stürzt herunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Alle Wasserhähne tropfen und alle Waschbecken laufen über in die darunter liegenden Zellen. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesem Eigensinn meiner Kunstgegenstände, wie sie sich in den Räumen und Kammern der Anstalt rücksichtslos breitmachen, in den Räumen, die lieber leer von Besuchern besichtigt, bewundert und beneidet sein wollen als genutzt.

Was ich zu tun habe! Alle Wände verschieben sich hinterhältig zu Lasten aller. Weit auskragende whysterische Objekte wuchern aus den Fassaden und verfinstern die Fenster und die Seelen der Mitpatienten in den Etagen und bei den Mülltonnen werfen sich Türme von Unflat über einen, aber nicht in sie hinein. Unaufhörlich springen die Bilder alle von den Wänden aus an, auf den Treppen wird ihnen gedroht, sie herunterzureißen und wegzuschmeißen, vergeblich, denn sie sind das Haus: man wohnt in ihnen, in ihrer alles umfassenden, egoistischen und empathielosen Präsenz.

Was ich zu tun habe! Meine Linke gleitet über den Treppenhandlauf, um hinter jeder Spitzkehre den nächsten Splitter eingerammt zu bekommen, während es in meinem Kopf denkt, in den Augen Eurer Kinder und Kindeskinder, werdet Ihr alle, die Ihr hier mit mir einsitzt, Eure Bedeutung nur daraus beziehen, dass Ihr meine Leidensgefährten seid. Nur dadurch.

2.

die terroristische verschwörung der dinge

Malte Wienebüttel
Version Februar 2011

APPROPRIATION AKT
Wir eignen uns die Argumentation Julian Assanges an, wie er sie in
seinem sogenannten WikiLeaks „Manifesto“ (3/12/2006) entwickelt.

- http://213.251.145.96/
- www.wikileaks.org

Zitat
Vor und nach dem 11. September hat unter anderem das Beschaffungsamt des Bundesstaates Maryland2 (NSA - National Security Agency light cover for academic funding, google for grant code “MDA904”) ein mathematisches Forschungsprojekt finanziert, das terroristische Verschwörungen als Beziehungsgeflecht (verbundene Graphen) untersuchen sollte (es sind keine mathematischen Kenntnisse nötig, um diesen Artikel zu folgen).

Wir erweitern das Verständnis von terroristischen Organisationen und ändern es gemäß den
Wünschen der Geldgeber; wir verwandeln es in ein Messer, das Verschwörungen sezieren soll,die dazu benutzt werden, autoritäre Machtstrukturen zu erhalten. (J.A.)

CONNECTED GRAPH
In der Mathematik veranschaulicht ein connected graph in abstrakter, modellhafter Form eine Gruppe von Objekten oder Knoten (Entitäten), von denen einige untereinander durch Linien oder Kurven (links) verbunden sind. Diese Objekte werden vertices genannt. Links, die Paare von vertices miteinander verbinden, werden edges genannt. Graphen gehören zu den Studiengegenständen der diskreten Mathematik (discrete mathematics).

NAGELBRETT
Man nehme, schreibt Assange, ein paar Nägel („Verschwörer“) und schlage sie wahllos in ein Brett. Man nehme einen Faden („Kommunikation“) und schlinge ihn ohne Unterbrechung von Nagel zu Nagel. Man bezeichne den Faden, der zwei Nägel verbindet, als link. Die durchlaufende Fäden bedeuten, dass ein Kommunikationsfluss über die Fäden und die dazwischen liegenden Nägel von einem Nagel zum anderen möglich ist.

Die Analogie zeigt: Information fließt von Verschwörer zu Verschwörer. Nicht jeder Verschwörer traut jedem oder kennt alle anderen Beteiligten, obwohl alle miteinander verbunden sind. Einige sind in der Randzone des Geflechts und kommunizieren mit wenigen, andere sind in dessen Mitte und kommunizieren mit vielen. Einige kennen etwa nur zwei andere, können aber eine Brücke zwischen wichtigen Teilen oder Gruppen der Verschwörung sein. Die „Wichtigkeit“ einer Botschaft, die durch eine Verbindung läuft, kann man a priori nur schwer ermitteln, da ihr wahrer Wert vom Ergebnis der Verschwörung abhängt.

DIE MACHT DES MATERIALS in der Kunst
Wir entfernen uns einen Schritt und übertragen Assanges Verständnis von Struktur und Funktionsweise terroristischer Organisationen als benagelte Bretter bzw. connected graphs, Abstraktionsmodelle für Netzwerke, Beziehungsgeflechte, Seilschaften, Komplotte, Geheimbünde und -dienste, Mafiaorganisationen in die Sphäre des Materiellen und der Kunst. Wir benutzen das als Skalpell, um das Handeln der Dinge selbst, welches ihnen ihre Macht sichert, bloß zu legen. Die Macht der Sachen Werkstücke Objekte pieces, des Zeugs. Sezieren um zu verstehen. Das Modell des connected graph lässt uns die konspirativen Prozesse der Dinge begreifen: Die normative Kraft des Gegenständlichen. Das macht das Material in der Kunst. Die Macht des Materials in der Kunst.

TERRORISTISCHER ATEM
Bedenken wir: Das Modell des Nagelbretts suggeriert, bei anerkannter Hierarchie untereinander, Stabilität zwischen den Mitspielern. Im Reich der Dinge gibt es jedoch keine gesicherten Zustände. Keine Ruhe, keinen Stillstand; conspirare, lat. ’im Einklang stehen, zusammen wirken’, vgl. lat. spirare ’wehen hauchen atmen leben’.Miteinander atmen, das heißt conspirare. TRANSITORIAL VERTICES, Zustandsstückwerke, pieces in the state of flux sind Entitäten auf Zeit. Assanges Nagelbrett zeigt nicht den Kampf der Dinge untereinander, ihre gegenseitigen Angriffe, ihre Metamorphosen, ihren Kannibalismus. Sie zerstören zerreißen zerstückeln zerwirken und verweben sich, hauchen Leben ein und hauchen es aus und formen, verformen und deformieren sich zu vorgestelltem gegenseitigem Lasten und auf Kosten eines unkalkulierbaren eigenen Nutzens, ungesicherter Sinnverdichtung oder Sinn- und Selbstvernichtung. Gegenstände stehen anarchisch gegen einander, Sachen schaffen tätlich Tatsachen. Sie stechen gestandene Mitverschwörer ab, drücken neues Zeugs, neue Stücke, Kunststücke - „objets trouvés“ - rein, altes raus und umgekehrt. Sie verbinden sich, fügen und sortieren sich neu, verwischen und vermischen, begrenzen und entgrenzen sich, oszillieren und vibrieren, kopulieren und koagulieren, fallen auf- und aus-ein-ander und über ein-ander her und in sich zusammen; unhaltbare Zustände; Treibende und Getriebene; Kunstkomplott als ASSEMBLÉE DU TERREUR ....

 

CONSPIRACY TO (COMMIT) ART
Das Modell des connected graph bzw. der Bayesschen Netze kann uns helfen, die mutmaßliche Position des Künstlers im Atemraum der Dinge zu erfragen. Seine Stellung im heißen Atem der Konspiration und im Bezug zu ihm. Ist er ein Nagel im Brett, ist er der Hammer, der Nägel einschlägt? Spannt er die Fäden? Spinnt er das Netz? Ist er Boss, Mitverschwörer, Handlanger, Instrument? Ist er Seziertisch Regenschirm Nähmaschine? Ist er drittselbst alles zugleich? Vermutlich tanzen mit ihm einige Verschwörer inniger als andere, das scheint sicher. Im Rausch mischt er sich unter die Dinge, verschmilzt mit ihnen. Ist Schamane, nee, nee, jaja. Glaubt es.
Er lässt das Unglaubliche Wirklichkeit werden, er erkennt - Sprache der Bibel - die Dinge, ist Zeichner, mhd. zeichenaere, einer, der Zeichen und Wunder tut und
erklaeret, ist Zeichenlehrer.
Wie lange glaubt er das beherrschende Zentrum des Gemetztels zu sein? Wann erkennt er, in die Randzone abgedrängt oder ausgeschieden zu sein? Den Faden verloren. Martin Walser hält dafür, er habe beim Romanschreiben ab der Mitte keinen Einfluss mehr auf dessen Fortgangs. Verstrickt. Die Dinge denken sich in mir, sagt Cezanne.

 

VERÖFFENTLICHUNG IST VERRAT
Der Künstler sieht und teilt das terroristische Komplott, er denkt es, es denkt sich, er begreift es begrifflosen Sehens, aber er will es für andere sichtbar machen. Den Atem anhalten machen. Den Fluss bremsen. Das Unhaltbare haltbar, das Unerträgliche erträglich haben. Er erklärt einen Zufallsmoment zum Ergebnis. Zeigen. Er will es ausstellen. Seine Veröffentlichung ist bloßstellen und verraten. Der Künstler verrät die Konspiration der Dinge. Das Unsichtbare wird sichtbar für andere. Fremdblick ist Gefahr. Kuratorische Besorgung ist das Gegenteil von kurieren, ist das Vorspiel seiner Entsorgung. Dingfest gemachte Dinge, auf- und aus- und abgestellt, aus- und ab- und zu- und hingerichtet, in Rahmen gesperrt, aseptisch in Vitrinen verschlossen, in Haft genommen, dem schamlosen, blöden Blick der Welt ausgeliefert. Wir befinden uns in der indiskreten Realität der Menschen. Der Gang auf den Markt Totschlag. Das Museum ein Leichenschauhaus. Aus Sezieren wird Obduktion. Das Museum bringt zur Strecke, balsamiert die Dinge ein und verzurrt sie in Bedeutungen, nagelt sie fest (hier verendet die Analogie des Nagelbretts Assanges‘), überlässt sie der autoritären Deutungsmacht, der Deutungswillkür der Könner und Gönner und Kenner und begeisterten Ahnungslosen, vernichtet ihre heillose freie verstörerische Unruhe.

 

VERÖFFENTLICHUNG IST BEFREIUNG UND OPFER
Der Künstler sieht und teilt das terroristische Komplott, er denkt es, es denkt sich, es denkt ihn, er wird herumgestoßen im begriffstutzigen Sehen. Und er braucht notwendig eine Pause. Aufatmen. Heraustreten aus dem außer seiner Kontrolle,
aber sich in ihm dengelnden denkenden dingenden Gedanken, dem Dingen der Dinge. Befreiung vom Gemetzel. Abschwören. Verraten und verkaufen. Der Künstler weiß, misslingt der Verrat, der Verkauf, kehrt er zurück in den terroristischen Atemraum der Dinge, wieder und wieder, und so weiter. Weil die Wahrheit der Dinge sich nicht in ihm aufhalten kann, weil sie zwingend daraus verjagt werden muss, muss sie sich bestenfalls als zu Verjagende wahrnehmen lassen, und zwar insofern sie Opfer wird in jenem kurzen Augenblick, der ihrer gewaltsamen Ausstoßung vorausgeht. Es muss diesem Opfer gelingen, den Künstler in dem Moment zu erreichen, da es ihm als reines Ding die Sicht verdunkelt. Es muss über die Gewaltsamkeit der Dinge genügend verraten, um deren Entfesselung im Akt des Mordes gegen das Opfer zu provozieren. So gilt das Opfer als für die vorausgehende Krise als auch für die Erneuerbarkeit der Kunst verantwortlich und damit für unsere wieder eingekehrte kulturelle Beruhigung.

 

CONSPIRACY GOES ON
Das Mode C]9N°ë{#k¢VEÄWaI _ù¨¸òrai†¢ æ€N_UZBÛ_£…è%¤Dž[S´ +´Ûë?ª#áÆ@ú[Ü.zÒ9Ž>$N{9›¬êÍ+P9Y ¢†vuÇGD²ì Ãï»ÆoR€”wàͳ ÌIÊŠ~‰‰˜ 8›ïWòZè“„V0}¿˜ûßÀ»„´ù“>þÁŒýuQw¬H oî·á ÿÿ PK ! ‘ ·ó

 

DIE KUNST DES VERMUTENS
Das Modell des connected graph veranschaulicht die Methodik der Bayes’schen Netze (siehe unten*) und der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Teil der diskreten Mathematik. Sie ermöglicht es unter der Bedingung der Unsicherheit zu Erkenntnissen zu kommen. Im terroristischen Atem der Dinge, im sogenannten kreativen Prozess, kunstmythisch eingehaucht wohl möglich von oben, also als Inspiration bezeichneten Prozess, verwischen sich und verrauschen durch unbekannte zufällige Einflüsse die eigentlich zu klärenden Zusammenhänge. Vor aller mathematischen Berechenbarkeit bietet das Modell Einblick in die Kunst des Vermutens, eine intuitiv verständliche Veranschaulichung der konspirativen Zusammenhänge, erlaubt die Vorstellung rein subjektiver Wahrscheinlichkeiten und kann damit wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und berücksichtigen.

 

 

(Grafik folgt)

 

 

 

 

Fundstück im www: http://shizzzq.wordpress.com/2008/01/39/konspiration/
27 13 2010
Meine Produkte, meine Werke (!), mein Computer, meine Kopfschmerzen, das Wetter, die Welt – alles scheint sich gegen mich zu verschwören. Mehr dazu vielleicht irgendwann einmal, wenn ich wieder gute Laune habe (was beim momentanen Schneegestöber durchaus angemessen wäre (so ein schöner Winter! Ausnahmewinter? Von wegen: Das Ende der Klimakatastrophe, auha!) und mir nicht mehr der Kopf vor lauter Daten und ungaren Gedanken schwirrt. In eben dieses Gestöber werd ich mich jetze vermutlich mal zufällig hinein begeben und dann gegebenenfalls noch missgestimmter rauskommen.
Grrr. Argh. Ich möchte was kaputt machen. Ach, ich vergaß, das brauch ich ja gar nicht, das tun die Dinge schon von selber. Conspiracy to commit murder. Mörderisches Komplott.