Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste Berlin ISBN....................

Kapitel: jürgens rede

VON EINER TEEPUPPE UND VON SELBSTVERGESSENHEIT -
ASPEKTE KÜNSTLERISCHER TÄTIGKEITEN

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Im Hof unseres Wohnhauses, in dessen Dachgeschoß Bernhard lebt, wurde kürzlich die Glyzine beschnitten; sie hatte den Aufstieg binnen zweier Jahre wieder bis hinauf ins Dach geschafft und verdunkelte die Räume, deren Fenster zum Hof hinaus liegen. Eines Tages war das Laub der Kletterpflanze, das Bernhards Küchenbalkon beurwaldete, schlagartig welk, man hatte versäumt, ihm von der bevorstehenden Beschneidungsaktion Kenntnis zu geben, aber das plötzliche Schlappmachen des Balkongrüns warf ihn nicht um, weil er eh meint, die Umwelt-Katastrophe sei längst eingetreten. Der Laubschnitt wurde zu Bergen aufgeschüttet, welche nach kurzer Lagerfrist im zweiten Hof nurmehr luftig, weil inzwischen blattlos, aus Zweigen und Ästen struppig zusammengestoppelt dalagen, und diese Zweige und Äste hatten in ihrem noch nahezu schnittfrischen Zustand die Eigenschaft, bruchlos biegsam zu sein. Diese bemerkenswerte Menge freien Materials muss Bernhard wie Versuchung gelockt haben, er widerstand nicht:

Durchs Fenster sehe ich ihn im Galerieraum der kunstkammer friedenau knien, vor sich und um sich herum die übermütigen meterlangen Volten und Kapriolen der Glyzinenäste und -zweige. Er ist dabei, einzelne Abschnitte des Strauchwerks zu einem Gerippe, zu einem räumlichen Gebilde von glatt dreifünfzig Metern Länge bei einsfünfzig Höhe zusammenzubinden, einem sehr luftigen Volumen, dem sozusagen die Haut abgezogen und das Innenleben ausgeräumt wurden. Die Galerie ist hell beleuchtet, drum herum Winterdüsternis im Friedenauer Kiez – und darin der am Boden Knieende vertieft , wie es den Anschein hat, in seine Sache. Die Tage sind kurz, vor Toresschluss will die Ernte eingefahren sein. Das bedeutet für den Künstler: Mit jedem neuen gelungenen Stück wächst in Atelier und Depot die Menge des Fertigen, im Kopf jedoch türmt sich der Berg der things-do-be-done, der noch zu schaffenden Dinge, denn die zuletzt gefertigte, wohlgeratene Sache ist ausgesetzt dem Sog der Besseren; das vorzüglich Gekonnte steht im Attraktionsfeld eines noch höheren Könnens. Ars longa - vita brevis. Die vorhandenen, im wörtlichen Sinn vor der Hand liegenden Artefakte legen eine Linie aus, die aufzugreifen hat, wer, unterwegs im Labyrinth, vorankommen will. Wenn denn also die Tage gezählt sein sollten – warum wendet sich der Künstler aus heiterem Himmel einer Sache zu, die offenbar vom vorhandenen Material angestiftet wurde, anders aber nicht und schon gar nicht logisch motiviert erscheint? Was macht diese Bastelei zu seinem Ding? Bernhards Tätigkeiten geben zu denken; ich beobachte ihn beim Sammeln diverser Dinge, so divers und ohne gemeinsamen Nenner, dass ich gar nicht erst versuchen mag, ihr kleinstes gemeinsames Vielfaches zu ermitteln, - planlos, zufällig, willkürlich, bedenkenlos, unhygienisch.

2
Jüngst freute er sich vorbehaltlos über ein just gefundenes Gummiferkel, dem seine als Müll zugebrachte Aus-Zeit einen schönen Pelz, schöne Flechten auf den Gummibuckel gezaubert hatte. Seine wiedergefundene Zeit wird das auferstandene bepilzte Gummiferkel unter Bernhards Geschöpfen, seinen homunculi und Lemuren zubringen. In welcher Form? Zu welcher Gestalt? Wie produziert er? Manchmal zeichnen wir Akt nach gemeinsamen Modellen, ein andermal sehe ich in der Kunstkammer oder an den Arbeitsplätzen in seiner Wohnung ästhetische Produkte in Momenten ihres Werdens, und meistens überrascht mich, was ich sehe. Was für Materialien er in Betracht zieht und überhaupt in die Finger nehmen mag! Noppenfolie! Isolierwolle! Gemeines Kabel! Wo hat er das gelernt- falls man so etwas - abweichendes Verhalten - erlernen kann? Schaumgummi! Plastiktüten!

Sein Professor, in dessen Ateliers an der Hochschule für Bildende Künste er gemalt und gezeichnet hat, hardware-Bildhauer Ludwig Gabriel Schrieber, pflegte ihn mit den Worten anzufeuern: „Tun Se, Nürnberger, tun Se!“ Bernhard ist dieser Aufforderung nachgekommen, sie war nicht nötig. Kunst - das ist für ihn primär Kunst machen. Manchmal beginnt er schon während des Frühstücks, an einem Klump herumzukneten, beispielsweise an den aus einer Silikongussform eines antiken Kopfes abgedrückten Tontafeln, die schief und krumm und schielend neben dem Omelett und der Teetasse den Frühstückstisch bereichern. Das Salzfass ist gut geeignet, um als Kinnstütze für einen Terracottakopf Dienst zu tun, und das Frühstücksbrettchen kommt gerade zu pass als Untersetzer für den neuen Kopfabguß. Eines zwielichtigen Tages hat sich – offenbar über eine Hintertreppe – eine Figur der Gruppe Bernhardinischer Gestalten hinzugesellt, die von ihrem Hersteller Lorna geheißen ward, um sich fortan in seinen Ausstellungen einzunisten und – auseinandergenommen – im Depot breitzumachen. Eine Zeitlang gab diese Groteske vor, (vermochte gar, diese Fiktion ihrem Urheber gegenüber eine Zeitlang durchzuhalten,) sie wäre Ausgeburt allein des Materials, aus dem sie konfiguriert ist – von Terracotta bis Tüll –, weiter wäre sie nichts, nichts als von traumhafter Hässlichkeit. Aber dann kam ihr Bernhard auf die Schliche: Begann zu grübeln. Erinnerte sich einer gewissen Teepuppe in den Tiefen seiner Biografie, die dem gleichen formalen Gliederungsmuster unterlag wie ihre späte Schwester, die Lorna. Und fand zudem noch im Konvolut früher Bildwerke – einer Geburtsurkunde authentisch entsprechend – jene Gouache aus der Studienzeit 6oer Jahre –, die genau diesen Figurentyp Teepuppe Lorna aufweist. Hier stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit, der Freiheit von Phantasie: Dürfen wir sicher sein, dass wir, was immer wir wollen, uns vorstellen können, oder beherrschen uns frühe inhaltliche Prägungen, die uns beispielsweise bestimmte Formen der weiblichen Brust oder gewisse Petticoatformen ein Lebenlang non plus ultra finden lassen und ein Lebenlang suchen lieben begehren ? In vereinzelten Fällen sind die Oberkörper von Teepuppen aus Wachs modelliert. Sie ist die zuweilen hübsche Schwester des manchmal derb gestrickten Kaffeewärmers. Beider Revier ist der bürgerliche Kaffee- oder Teetisch.

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Ich denke : „Wie ein Knabe …einerseits. Andererseits…“ Es geht um die Selbstvergessenheit des Tuns, die ohne die Anstrengung von Arbeit und belebend sein kann wie gelingende Meditation. Jetzt sehe ich, daß unter der Decke der Hauswerkstatt in der Remise ein schon fertiges Gebilde schwebt, luftschiffartig, Spanten eines Bootes, um in den Himmeln zu schippern. Bei späterer Wahrnehmung dieses Gebindes habe ich den Eindruck, dass es sich wohl eher um die Schädelform eines Wildschweins handelt, monströs vergrößert. Und der alte Knabe ist am Boden selbstvergessen zugange mit allereinfachstem Werkzeug: Bindedraht, Messer, Zange. Neuerdings beherrscht ein freies schwingendes elegantes Lineament eine Wand seines Wohnraums. Es ist aus den Zweigen der Glyzine zusammengeknüppert, und es ist im Spiel gewonnen. Kunsthandwerker würden es dabei bewenden lassen, würden die Gelegenheit nutzen und aus dieser Trouvaille ein Lebenswerk, jedenfalls aber das Geschäft ihres Lebens machen. Ich frage mich, warum spielen die einen weiter während eines ganzen Lebens, die anderen nicht? Jeden Tag, jeden Morgen die gleichen Spiele wie am Tag zuvor – warum ist diese Wiederholung der Handgriffe ein so auffälliges Merkmal gewisser schöpferischer Personen?

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Nur wer ins Ungekonnte und ins Ungesicherte vordringt, (sagt Sloterdijk)*, wird konfrontiert mit dem Problem, eventuell abzustürzen. Der (moderne) Künstler befindet sich in einer Lage, die ohne den inhärenten Zug zum Scheitern nicht zu denken ist. Das gewollte und gewählte Abstürzen muss man sich als professionelle Katastrophe, die gegebenenfalls okkult bleibt, vorstellen. Auf Worte gebracht, könnte die Katastrophe darin bestehen, daß es einem Künstler nicht gelingt, dem Weißen Rauschen um ihn herum und in ihm Neues, neue Formulierungen, neue Artikulationen abzugewinnen. Er ist unbedingt darauf aus, im täglichen Kampf um das Tätigsein und gegen das Nicht-Sein auf das höchste Podest des Siegertreppchens zu stehen zu kommen. Seine Chance ist die Infragestellung dessen, was er kann, um durch Negation früherer Errungenschaften – auch jenen der Lehrer - mit neuesten Sachen desto frischer, jünger, neuer zu strahlen. Man muss sich klarmachen, daß es für den (modernen) Künstler darum geht, den Ast abzusägen, auf dem er sitzt, und natürlich darum, dennoch nicht abzustürzen. Das ist ersichtlich logisch ausgeschlossen. Was tun? Entweder die Metaphorik fallenlassen, die Aporie ertragen oder den Baum wechseln. Aber diese Gefahr ist die andere Seite der Chance, die jeder neu heraufziehende Tag darstellt. Jeder neue Tag mag neue Situationen darbieten, damit also die Chance, etwas Neues zu tun und zu lernen. Irgendwo zwischen haltloser Impulsivität und handwerklichem Wiederholungszwang ist der Standplatz des Künstlers. Oliver Cromwell soll gesagt haben, nie steige ein Mann höher, als wenn er nicht weiß, wohin er geht.


Jürgen Hoffmann; Rede zur Eröffnung der Ausstellung

„der schlaf des faun gebiert ungeheuer“


Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Berlin-Charlottenburg

März 2010