Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: hundsgemäß

Von: maltew@randowkurier.de
Betreff: wedel-wedel
Datum: 22. März 2011 12:04:21 MEZ
An: bernue@galerie-imaginaire.de


Lieber Bernhard,
hier die vereinbarte, kleine Schreibübung:
Wie schon oft zuvor drehst Du mit Hund Gora Deine morgendliche „Gassi“- Runde auf den breiten, gepflasterten Verkehrsflächen zwischen den ausgeräumten Gleisbetten des aufgelassenen Güterbahnhofs Wilmersdorf, erst östlich in Richtung Hauptstraße bis zum architektonischen Schmuckstück des graffityentstellten Stellwerks aus den 70er Jahren, dann auf dem nördlich gelegenen Bahnsteig zurück nach West und, an dem lang gestreckten Bau der Lagerhallen angekommen, der Hund kennt die Stelle und braucht keinen Befehl Dir zu folgen, steigst Du die mit Scherben übersäten Stufen hinauf auf die nach Nord zeigende, ungefähr in Mannshöhe über dem Niveau des Bahngeländes liegenden Laderampe, gehst an der von großen Schiebetoren unterbrochenen Hallenwand entlang, ästhetisch bedrängt von dem wirkungsvoll für den Blick aus den hier in einiger Distanz vorbeifahrenden S-Bahnzügen kalkulierten, gleichgültig Mauerwerk und Tore überwuchernden Grafittyband, blickst rechts frei über die breite Brachfläche, die vermuten lässt, dass hier ehemals außer dem Gleis, das direkt vor der Rampe entlang führte, fünf oder sechs weitere parallele Schienenstränge einmal verliefen, hinüber zu den in regelmäßigem Takt befahrenen Gleisen des Berliner S-Bahnrings und die dahinter verlaufende, lebhaft befahrenen Stadtautobahn. Deine Ohren sind schutzlos dem vom Stadtverkehr herüberschallenden, von der Hallenwand reflektierten Lärm ausgesetzt.

Eine der schweren Schiebetüren ist einen Spalt breit geöffnet.
Sofort ist der Hund drin, die Spürnase dicht über dem mit einer dicken Staubschicht bedeckten Boden auf der Suche nach Fressbarem, dem Rand einer Pizza, dem feuchten Rest eines Döner. Während dessen spürst auch Du verwertungsverdächtigtem Zeugs nach, ganz Auge für die Ergebnisse des Vergnügungen der hier augenscheinlich regelmäßig verkehrenden, fleißigen Großstadtvandalen an und in den offensichtlich nachlässig bewachten, leer stehenden Hallen, kommt Dir die sprachliche Wendung in den Sinn, dass sie im Laufe der Jahre das Gebäude in emsiger Kleinarbeit zerschroten und zernagen. Du hast den Blick, auf den Boden gerichtet, auf die verwirrend Kauderwelsch sprechenden Materialien, die sich nach Deiner gestaltenden Verwendung in der Vorstellung möglicher Betrachter in Verfalls- und Untergangs- und Endzeit-, Vanitasmetaphern, aus dem Labyrinth Ihrer Rätselhaftigkeit erlöst, in wohlmöglich symbolistischen - pfui Teufel - Klartext verwandeln und alles solche Sachen, Spielkram angesichts der Nachrichten über Fukushima, die ich abschalte, um mich auf den Text hier konzentrieren zu können. Du erspielst kompositorische Entscheidungen auf dem Displayrechteck Deines fotografierenden Mobiltelefons, Drahtglasbruch, aus den Oberlichtern der Halle herabgestürzt, Scherben und anderes Zertrümmertes in feinen Staub gebettet, helle, klare, geometrische
Formen auf grauem Grund, manchmal verwischt durch ein Zucken der das Telefon haltenden Hand.

Deine ungestörte Bilderproduktion in der Halle war möglich dank der fehlenden Zuständigkeit der Bahnpolizei für den Bau der Lagerhallen, wie mir einige Tage zuvor, bei meinem Morgengang ein Polizist aus dem Auto heraus erklärte, in dem er mit zwei Kollegen saß, während der vierte von einer mir nur zu unterstellenden Verrichtung aus dem nicht zu seinen, wie eben erfahren, Dienstobliegenheiten zählenden Bereich der Hallen zurückkehrte. Ihr Fahrzeug war so an der Südseite des Gebäudes aufgestellt, dass ein weiter westlich, auf einem Rangiergleis abgestellter S-Bahnzug bequem im Blickfeld der Ordnungshüter des öffentlichen Nahverkehrs war, Objekt ihrer dienstlichen Überwachung und Objekt der Begierde der zu dieser schönen Morgenstunde jedoch kaum aktiv zu vermutenden Farbdosenspritzer.

Der Zug stand oberhalb des die Handjerystraße überspannenden S-Bahnbogens, unter dem sich, wie mir jetzt beim Schreiben einfällt, und dir beim Lesen, auf der Seite zum Perelsplatz hin, an der hier hinter den Fuß des Bogens zurückweichenden Ziegelwand neben dem ausgeweideten Elektroverteilerkasten und der zum Niveau der Gleisanlagen aufsteigenden Böschung, kaum versteckt vor den Blicken der Friedenauer Passanten hinter einem Maschendrahtzaun und einem Hollunderbusch, das von mir in einem anderen Text erwähnte, provisorische Quartier eines Obdachlosen befand.

Wieder draußen, zurück auf der Laderampe bist Du ganz dem schlagartig einsetzenden, hell röhrenden, dann mählich abschwellenden, metallischen Singen ausgesetzt, dem Singen der in den seitlich nach Osten zu, gegenüber dem Stellwerk liegenden S-Bahnhof Innsbrucker Platz bremsend hinein, und dem ähnlichen, schwach beginnenden, nachdrücklich drängend, stetig anschwellenden Ton der beschleunigend heraus fahrenden S-Bahnzüge, unterlegt vom tieferen, wahrnehmbar unruhig pulsierenden Rauschen der Fahrzeuge auf der Stadtautobahn, in dem sich das Verschlucken des Schalls der dahinter in die Fahrbahnen der Unterquerung des Innsbrucker Platzes hinein tauchenden und das Aufplatzen, der aus ihr heraus gleitenden Fahrzeuge verschränkt.

Du gehst vorbei an dem ruinierten, in eine Werkstatt umfunktionierten Frachtcontainer, durch dessen halb offene Tür durcheinander geworfene, in einer chemisch duftenden Altöllake schwimmende Autoreifen, Eisenschränke und anderer Schrott im Dämmerlicht schwach sichtbar sind, vorbei an der großen, hölzernen, schwarzbräunlich verrottenden, auf der Seite liegenden Kabeltrommel, deren flach zu einer Doppelscheibe zusammengerutschte Wangen, Dienst vergessen eng bei einander liegen, mit Fug und Recht, füge ich ein, da sie ihrer technischen Aufgabe, ein auf die Trommel gerolltes Kabel zusammenzuhalten, längst entbunden sind. Aus der oben liegenden Scheibe spießen in einem scheinbar schwankenden Kranz rostbraune Eisenstäbe in die Luft.

Gora, Schwanz wedelnd vorweg, steuerst Du nun, den Blick weiterhin Findbares suchend auf den Boden gerichtet, auf den am äußersten Rand der begehbaren Zone des Bahnhofsgeländes abgestellten PKW zu, den Du schon zu Beginn Deiner Runde von Ferne geortet hattest, dessen Besatzung hier, wie ich, dieses schreibend, vermute, die dienstliche Aufgabe hat, grafittykünstlerische Sachbeschädigungen an dem wieder vis à vis abgestellten, aus Deiner Erinnerung aber nicht abrufbaren S-Bahnzug zu verhindern.

Unvermutet schießt Dir jetzt durch den Kopf, dass hier auf dem Bahnhofsgelände im Spätsommer 2009 ein Suchtrupp der Polizei, unterstützt von Spürhunden, mehrere Plastiktüten mit Leichenteilen eines im Nachbarbezirk Schöneberg ermordeten Obdachslosen, ein anderer als unser Friedenauer unter der Brücke, gefunden hatten, als Du, durch die verstörende Erinnerung befangen, eher undeutlich, unterlegt von der Musik des Stadtverkehrs, ein schwankendes Hin und Her im Beifahrerfenster des vermutet leeren PKW wahrnimmst, das Du für die hundsgemäße Schwanzantwort auf die sich wedelnd nähernde Gora hältst, was mir, da ich dies niederschreibe, wenig schlüssig scheint, weil ein vermeintlich im Wagen zurückgelassener Hund notwendig sichtbaren Kopfes aus dem Wagen, die Artgenossin Gora begrüßend, hätte herausschauen müssen.

Du näherst Dich unbeeinträchtigt von meinen späteren Überlegungen dem mit dem Logo der Deutschen Bahn versehenen Auto, und indem Du hier am Ende des Bahngeländes im Bogen vor dem Fahrzeug den Weg zurück einschlägst, auf den mittleren Bahnsteig zu, zwischen den ausgeräumten, kürzlich von allen hoch gewachsenen, Sichtschutz für grausige und sonstige Taten gewährenden, Sträuchern und Bäumen befreiten Gleisbetten, erkennst Du, unvermittelt und jetzt in hinlänglicher Schärfe, aber sogleich durch ein unwillkürliches Abwenden des Kopfes Deinem Blick entschwindend, und musst jetzt Deine vorherige Annahme des mit einem eingeschlossenen Hund leer abgestellten Fahrzeugs

aufgeben, sahst den Wagen vorn von einer Fahrerin und einem Beifahrer bewohnt, siehst, dem unbeherrschbaren Drang eines schnellen Blicks zurück doch nachgebend, ihn, wie er mit angestrengter Miene, vermutlich Deine Gestalt und Goras anhaltendes Gewedel im Augenwinkel, in die Richtung des dort vielleicht tatsächlich abgestellten S-Bahnzugs blickt, unterdessen sie, die Frau am Steuer, geschäftig hektisch, Dir, nachdem Du Dich bereits weiter entfernt hattest, als Nachbildsilhouette erscheinend, am Lenkrad oder dem Zündschloss fingerte, ohne dass Du den Motor starten hörtest und den Wagen sich in Bewegung setzen sahst.
salut!
Malte

Von: Jürgen Hoffmann
Betreff: wedel-wedel
Datum: 27. Januar 2012 23:03:33 MEZ
An: maltew@randowkurier.de


Lieber Malte,
ich finde Deinen Text vom Gegenstand und vom Blickwinkel her hoch interessant und individuell. Aber die Machart ist kryptisch kraus. Ich kann nicht erkennen, ob die Anakoluthe und Kellerkonstruktionen Deine stilistische Absicht waren oder unterlaufen sind, ohne dass sie Dir bewusst wären. Die Lektüre wird verkompliziert durch die verschiedenen Zeitebenen und Blickpunktwechsel. Man müsste scharf ausfegen. Vor allem müsste ein den Leser mitziehender Rhythmus rein, durchgängig, einstweilen sind dazu nur Ansätze drin. Wir können uns treffen, wenn ich genauer darlegen soll, was ich meine - wenn Du willst.
Herzlich
Dein J. H.

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