Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste Berlin ISBN....................

Kapitel: firlefanz

Primo von Randow ist irritiert

VON MALTE WIENEBÜTTEL

PRENZLAU Die Galerie ist geöffnet und begrüßt wird der Besucher der Sakristei des Dominikanerklosters von einem Gesicht, das ihn schräg von unten verschmitzt anschaut. Es ist ein fein geäderter, rosafarbener Kalkstein, ein typisches Kopfstück, wie Bernhard Nürnberger seine Skulpturen nennt. Der Bildhauer und Maler lebt und arbeitet seit 11 Jahren mit seiner Frau Karin Christiansen, die zuvor hier ihre Holzskulpturen gezeigt hatte, auf einer Hofstelle in Wollschow bei Brüssow.

Betritt der Besucher den Raum, so stellt er fest, dass bereits etliche Kunstfreunde anwesend sind. Gäste der besonderen Art. Mehr als 25 Kopfstücke stehen locker gruppiert um ein Objektarrangement und betrachten es. Ein hohes kubisches Stahlgestänge, in dem oben ein „Gesichterhaltegestrüpp“ schwebt. So jedenfalls nennt es ein etwa elfjähriger Junge. In sich verschlungene, weiß gestrichene Glyzinenstränge, an denen Keramikgesichter befestigt sind. „Ich sehe darin ‚Das Gerücht‘“, sagt seine Mutter. Darunter hängt eine bizarr verdrehte, menschliche Figur. Grotesker Keramikkopf, zerschlissener, fleckiger und weit klaffender Synthetikmantel, aus den Ärmeln sprießen Hartriegelzweige. Er habe alles aus dem Untergrund seiner Hofstelle in Wollschow ausgegraben und ans Tageslicht gebracht, sagt der Künstler. „Der Mantel stammt von Edith K., die dort wohnte...“

Der Untergrund der Sakristei scheint ebenfalls geöffnet zu sein. Ein rot-weißes Flatterband hindert den Besucher hineinzufallen. Man blickt in eine tiefe Gruft, darinnen die Spiegelbilder der hängenden Objekte. Tief wie hoch, der gewölbte Raum und die Dinge stehen auf dem Kopf. Was ist Realität? Was Vorstellung? Was ist wirklich, was ist wahr, was Fantasie? Unser Besucher kann in den vielfältigen, mimischen Ausdrücken der Steinköpfe seine eigenen Empfindungen und Fragen gespiegelt sehen. Oder er lässt sich vom Reiz und von der Schönheit des Gesteins bezaubern, in das die Physiognomien eingemeißelt sind. Dass die Objektinstallation, die er FIRLEFANZ nennt, allein seiner Fantasie entsprungen ist, bestreitet der Künstler schmunzelnd:
Die hängende groteske Figur sei seine „Kläre Schlamm“, inspiriert von der ‚Aufräumungsarbeitungen‘ in der Brüssower Gerüchteküche um eine tatsächliche, illegale Klärschlammverkippung in den 90er Jahren. Das sei eine unbewiesene Unterstellung, soll das Amt Brüssow verlautet haben. Jeder, der in die Sakristei reinkommt, ist an der Aufklärung beteiligt. Alles fließt, im Untergrund und in den Köpfen.

Zu hoffen ist, dass der Besucher den Kopf oben, angeregt und heiter und heil den Ort verlässt, und nicht kopfstücksgleich verharrt, mit streng ausgerichtetem Blick.
randowkurier, 20. 10. 2010