Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: das erwachen

She is besides herself

Als Lorna am Dienstag, den 5. August 2008 aus unruhigem Schlaf am Kyle of Tongue erwacht, meint sie weiter in ihrem Traum befangen zu sein. Das Blitzen in ihrem Kopf ist verschwunden. Es weht ein schwacher Wind. Sie liegt reglos und sieht über sich den von leichten Wolkenschleiern getrübten Himmel. Sie hört die aneinander klackenden und rollenden Kiesel, die das auf- und abströmende Wasser im gleichmäßigen Wechsel bewegt, sie spürt den feuchten, kühlen Tang unter ihrem Kopf, sie schmeckt das Salz der Seeluft. Sie liegt eingehüllt und eingesperrt in einer mächtigen Aureole organischer Verwesung, deren Zentrum sie ist, die jedes Annähern von außen von irgend jemandem oder irgend etwas herrisch verbietet.

Das grobe Bett der pebbles, auf dem sie lang hingestreckt liegt, drückt sie nicht. Rechts aus dem Augenwinkel kann sie ihr umgekipptes Foliengewand erkennen. Der Winddruck hält es groß und rund aufgebauscht, die aufgerichteten Reifen halten es weit offen, ein entleerter Kokon. Sie sieht die ausgefransten Spitzen seiner roten Zierröschen zittern, hört die Folien auf dem Geröll rascheln. Das dünne, weiße Material, das Dekolletee und Hals umschlossen hatte, quillt aus dem schwarzgrünen Oberteil des Kleides.

Sie kann den Kopf nicht wenden und heben. Ihr Hinterkopf ist fest in die pebbles gedrückt, ihr zum Himmel gerichteter Gesichtskreis ist fixiert und definiert. Unterhalb stellte sie sich einem Körper vor, der einmal ihrer gewesen sein könnte, eher einen Gegenstand, eine Hülle, geschunden und versehrt, die Quelle ihrer Aura. In der Nähe des Halses so etwas wie Hände, fremd und doch vertraut, beinahe aus den Schultern herauswachsend. Am unteren Ende eines langen, ungegliederten Rumpfes etwas, was Beine und Füße sein könnten, die das viele Fahren und Laufen, das Gehen und das Stehen, die Auftritte in so vielen Rollen, an so vielen Orten hinter sich gelassen und vergessen haben.

Mit dem Erwachen zerfließt der Traum nicht. Das Bild bleibt stabil. Das erste Bild der vier letzten Dinge. Es hat seine gültige Form gefunden. Sie ist nicht beunruhigt, sie empfindet keine Entspannung. Es ist eher ein Angehalten-Sein gegenüber in dem, was sie umgibt.

Der Wind flaut ab, unmerklich drängt die Flut in den Kyle. Im Rhythmus des aufsteigenden und abströmenden Wassers klingt die Dünung des Atlantik von weit draußen nach. Lorna weiß, das ist der Ton, der sie sich vergessen lässt. Müde von der Zeit, erkennt sie ihr Refugium, ihr Bad, kristallene Flut, die kühlt und läutert, vernimmt den göttlichen Klang von unten her, aus klaren Tiefen. Unaufhaltsam kommt die Flut und wird sie, todwund und müde vom Waidwerk ihrer Fantasie, erfassen und forttragen in ihr seliges Element.

Malte Wienebüttel

 

 

Bilder folgen