Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste Berlin ISBN

Kapitel: die enteignung

Alte Spinnerei Malchow (Mecklenburg-Vorpommern)

Geschichte: 1907 / 1908 errichtet; Tuchfabrik Becker & Co. - 1935 Produktion von Flanellen, Leinen, Filtertuchen und Mantelstoffen, danach Stoffe für Wehrmachtsuniformen – nach 1945 Enteigung und Demontage, Abtransport des Maschinenparks in die Sowjetunion - nach 1945 genossenschaftliche Lohnspinnerei, Weberei, Färberei, Hauptproduktionsstätte von Strickgarn - 1972 volkseigener Betrieb, Produktion von Bettwäsche, Sackgeweben, Handtüchern, Malimo Verpackungsmaterial - 1990 Auflösung der textilen Produktion - 2011 Nach langen Jahren des Verfalls sollen den denkmalgeschützten Gebäuden der ehemaligen Weberei Ferienwohnungen gebaut werden

Das so genannte DDR Museum im ehemaligen Filmpalast der Inselstadt Malchow ist gut besucht von Leuten aus der Region und von Urlaubern. Dem ideologisch voreingenommenen Blick zeigt sich eine vielteilige Ansammlung von Alltagsgegenständen, deren Zusammengehörigkeit sich in einer frappierend trüben Aura, in einer durchgängig verringerte Sättigung aller Farben ausdrückt. Die Dinge wirken, als habe ein alles regulierendes, jede Entwicklung anhaltendes Projekt ihrer Gestaltung zu Grunde gelegen, als nähmen sie einen angestrebten, als bleibend vorgestellten Endzustand der Gesellschaft vorweg mit einem im Stillstand fixierten Verhältnis der Menschen und der Dinge, und als dokumentierten sie, nun musealisiert, eine Art konzeptueller Erschöpfung und Verweigerung ihrer ehemaligen Nutzer. Ohne alle Worte vermitteln sie, dass ihnen die Menschen abhanden gekommen sind.

Das Gelände der Alten Spinnerei Malchow ist von einem Bauzaun umgeben.
„Betreten verboten! Einsturzgefahr“ warnt ein schwarz gerahmtes Schild mit großen Lettern Rot auf Weiß. Über einen verwahrlosten Garten findet sich jedoch leicht, seitlich von einer der für Malchow typischen Stichstraßen her, die in regelmäßigen Abständen zwischen den Grundstücken zum Fleesensee hinunter führen, ein Zugang für jeden, der entschlossen ist, ohne Erlaubnis und die Gefahr missachtend, die Große Akademie in den Räumen der Spinnerei zu besichtigen, um die legendären Projekte kennen zu lernen, mit denen Künstler und Wissenschaftler sich hier beschäftigen sollen. Die Alte Spinnerei ist kein zusammenhängender Bau, sie besteht aus einer Reihe unterschiedlicher Gebäude, die, bei fortschreitendem Verfall, von einem Investor gekauft und für die Zeit bis zum Baubeginn von Künstlern als Zwischennutzer bespielt wird. Im DDR Museum war mir gesagt worden, jeder Raum der Alten Spinnerei beherberge einen oder mehrere der namhaften Projektmacher dieser temporären Zukunftswerkstatt, der Großen Akademie.

Viele Tage lang ging ich zur Großen Akademie. Jedoch war meine Suche während der ersten Tage vergeblich. Zu meiner Enttäuschung war der weitaus größte Teil der
Hallen, Räume, Kammern, Keller, Flure und Höfe leer und in einem äußerst desolaten Zustand. Nach jedem der in diesem Sommer so häufigen Regengüsse tropfte, plätscherte, rann das Wasser allenthalben über die Wände, von den Decken, stand in großen Lachen auf den Bodenflächen des Parterres und des ersten Stocks, dergestalt dass weite Areale der Akademie für mich unbegehbar blieben. Einigen Zonen lagen in mattem Dämmer, nur spärlich drang Licht durch die Ritzen der mit Brettern vernagelten Fenster, oder sie waren völlig dunkel, was hier schnell jeden Schritt zum Fehltritt oder gar zum Absturzrisiko werden ließ. Ich war weder in der Stimmung noch in der körperlichen Verfassung Erkundungen hinein in die dunklen und feuchten Tiefen der Großen Akademie zu wagen.

Der erste Künstler, den ich endlich in einem maroden Nebengebäude antraf, war von armseligem Aussehen, verrußt an Händen und Gesicht; Haare und Bart lang und zottig und an mehreren Stellen versengt. Seine Kleider, sein Hemd, seine Haut waren alle von der gleichen Farbe. Er habe acht Jahre an einem Projekt gearbeitet, Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen, diese in hermetisch verschlossene Gefäße gegeben, die in rauen, unfreundlichen Sommern, wie dem diesjährigen, herausgelassen werden sollten, um die Luft zu erwärmen. Er sagte mir, er zweifle nicht daran, nach weiteren acht Jahren im Stande zu sein, mit Hilfe dieser Speichertechnik alle Wohnungen der Inselstadt Malchow zu einem annehmbaren Preis mit Gurkenenergie beliefern zu
können. Er klagte jedoch darüber, dass sein Betriebskapital gering sei, und bat mich, ihm etwas als Ermutigung für seinen kreativen Erfindungsgeist zu geben, zumal die Gurken in diesem Jahr sehr teuer gewesen seien. Ich gab ihm ein kleines Geschenk, denn ich hatte mich zu dem Zweck mit ein wenig Kleingeld versehen, weil ich die Gewohnheit visionärer Künstler kenne, alle, die sie aufsuchen, anzubetteln, - der gängige Ablass. Er sollte der einzige Projektmacher bleiben, den ich antraf.
An einem Sonntag ging ich wieder zu der Ruine und bemerkte auf dem Weg zum Eingang einen vergessenen Schatten, dessen charakteristischer Umriss mir sagte, dass B* hier gewesen war. Dabei stand ein Gewitter, Dunkelschwarz mit vergoldeten Rändern im Hintergrund des Baus; dasselbe hatte schon die Gegend von Malchow ausgedonnert und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung, wo sich der Eingang befand, geschleudert hatte, sank es zu Dünsten aufgelöst, missvergnügt murmelnd im Osten ab. In der Eingangshalle wurde ich unversehens von L*, die mir aus den B*schen Inszenierungen andernorts sattsam bekannt war, in der Rolle der Präsidentin der Akademie, wie ich sofort wusste, sehr freundlich begrüßt. Stumm begleitete sie mich nun bei meinen Erkundungen. Während der folgenden Tage sah ich, dass B* die leeren Räume zuerst vereinzelt, dann zunehmend, mit seinen Sachen ausstattete, ja ich hatte den Eindruck, dass diese die Akademie nach und nach besetzten, regelrecht sich angeeigneten. Das Dämmerlicht, das Schweigen L*s und die je nach dem Wetter wechselnde Unzugänglichkeit der Räume verwirrten mich zunehmend, ob ich die mir meist bekannten Werke bereits gesehen hier hatte, oder meine Wahrnehmung durch die Anwesenheit L*s und den Anblick des Schattens geschärft worden war. B* selbst traf ich bei seinem möglichen Tun in der Akademie nicht an.

Eines Nachmittags führte L* mich zu einem nach dem Fleesensee gerichteten, notdürftig mit Planken vernagelten Fenster des Hauptgebäudes. Im Garten prasselte und rauschte der Regen; eine Regentraufe (sie musste ein Loch haben) vollführte gerade vor dem Fenster ein Jammertheater mit komischen Schluchzern und gurgelnden Jammerlauten, unterbrochen von jähen Pausen… Durch einen Spalt blickten wir, gezwungenermaßen unsere Köpfe so dicht aneinanderschmeigend, dass L*s kalte Porzellanwange unangenehm die meine berührte, in einen mit Schutt versperrten schmalen Korridor, an dessen Ende in einiger Entfernung ich an der abschließenden Wand recht unklar Bewegungen wahrnahm, die, wie diffuse Erinnerungsbilder aus einer großen zeitlichen Distanz aufscheinend, so drängte es sich mir auf, fraglos die Schatten dreier schmutziger Eulen waren. Ein Wolkenbruch ging mit dem lauten, ununterbrochen Rauschen einer hereinkommenden Flut nieder, mit dem Laut einer hemmungslosen, niederschmetternden Wut, die das Bild einstürzender Brücken, entwurzelter Bäume, unterspülter Berge herauf beschwor. Niemand vermochte sich dem kolossalen und ungestümen Strom entgegenzustemmen, der strudelnd gegen die trübe Stille anbrandete, unter der wir ein so unsicheres Obdach gefunden hatten, wie auf einer Insel. Die durchlöcherte Traufe gurgelte, würgte, spuckte und spritzte mit der ganzen schmerzlichen Komik eines Vorgangs, bei dem es um Leben und Tod geht. Die Schatten meiner Eulen im Blick, erkannte ich nach und nach in den skurrilen Tönen des Wassers ihren, in einem, wie mir schien, altertümlichen Englisch ausgefochtenen, gelehrten Disput und endlich wurde mir klar, es ging um die Projekte, die hier in der Akademie entwickelt oder verwirklicht worden waren.

Ich fasse, was ich meinte zu hören, so zusammen: Demnach bestand das erste Projekt darin, das Sprechen und Schreiben dadurch abzukürzen, dass man vielsilbige Wörter zu einsilbigen beschneidet und Verben und Partizipien auslässt, da alle vorstellbaren Dinge in der Wirklichkeit ja doch nur Hauptwörter seien.
Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter überhaupt. Ich hörte sagen, dass dies die Gesundheit außerordentlich fördere und zeitsparend
wäre. Denn es sei klar, jedes Wort, das wir sprechen, verkleinere in gewissem Maße unsere Lungen durch ihre Abnutzung und folglich trage dies zur Verkürzung
unseres Lebens bei. Es wurde deshalb folgender Ausweg vorgeschlagen: Da Wörter nur Bezeichnungen für Dinge sind, sei es zweckdienlicher, wenn alle Menschen die
Dinge bei sich führten, die zur Beschreibung notwendig seien, der speziellen Angelegenheit, über die sie sich unterhalten wollen. Und zur großen Bequemlichkeit und zur Erhaltung der Gesundheit der Menschen hätte diese Erfindung sicherlich Eingang gefunden, wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel, den Kunstbanausen und den Analphabeten gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen nicht erlaubte, weiter nach Art ihrer Vorfahren mit ihren Zungen zu reden. Solch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Künste und Wissenschaften ist das gemeine Volk, klagten die Eulen. Dennoch seien, diesem Widerstand zum Trotz, etliche avantgardistisch gesinnte, bildenden Künstler Anhänger des zweiten Projekts geworden, sich mittels Dingen zu äußern. Es bringt nur die Unbequemlichkeit mit sich, dass jene, deren Ausdruckswillen sehr umfangreich und zunehmend anspruchsvoller Natur ist, stets ein entsprechend größeres Bündel von Dingen mit sich herum tragen müssen. Vor meinem geistigen Auge sah ich zwei dieser Künstler unter der Last ihrer Bündel fast zusammenbrechen, wie früher die Hausierer, wie sie sich auf der Straße begegneten, sie ihre Lasten niederlegten, ihre Säcke für einen ästhetischen Diskurs öffneten und eine dreiviertel Stunde lang kommunizierten. Bei einem Klingelzeichen pausierten sie 10 Minuten und fuhren fort, nach abermaligen Klingeln packten sie ihre Utensilien wieder ein, halfen einander, ihre Bürden wieder auf den Rücken zu nehmen, und verabschiedeten sich höflich.
Ich meinte, die Eulen weiter über folgendes sprechen zu hören. Im Englischen gibt es ein Verb, das man nur erklärend übersetzen kann: to eavesdrop (das ist das Verb) bedeutet: indiskret, heimlich, verstohlen zuhören, vorsätzlich (das ist die Erklärung) und nicht: zufällig oder ungewollt, dafür benutzt man hingegen das Verb to overhear, und dieses Wort setzt sich wiederum aus zwei Wörtern zusammen, dem Wort eaves, das Dachtraufe bedeutet, und dem Wort drop, das Verschiedenes bedeuten kann, aber vor allem mit Tropfen und Getröpfel zu tun hat. Und ich hörte, es sei in Mode gekommen, spezielle art clubs oder Vereine Beglaubigter Künstler (VBK) zu gründen und damit Räume zu schaffen, wo die Pioniere dieser Kunst zusammenkommen, voll von allen griffbereit daliegenden Dingen, die erforderlich sind, um Material für diese Art künstliche Unterhaltung zu liefern.

Über das dritte Projekt sprachen die schmutzigen Eulen in heftigstem Disput, die Argumente gurgelten wüst, würgten einander, sie spuckten und spritzten kreuz und quer, dass ich Mühe hatte, mir einen Reim darauf zu machen. Es sollten alle Künstler abgeschafft werden, darum ging es möglicherweise. Ob nun die Dinge es satt hätten, gefunden,gesammelt und vorgezeigt zu werden und die ihnen aufoktroyierte Aufgabe, als objets trouvés Kunstwerke sein zu müssen und irgendwelchen ausgedachten Spintisierereien oder Spöken gemäß abstruse Rätsel aufzugeben, weil sie Maß und Grad der ihnen impliziten Unschärfe selbst bestimmen wollten, ob es also die Gegenstände seien, die sich gegen die vermessenen Regulierungsversuche der Künstler verschwören, um sich dem Gelüst der Connaisseure und der Unlust des Pöbels usw. zu entziehen, und damit die Künstler arbeitslos machen wollten, oder die Künstler selbst sich schlichtweg selbst abschaffen sollten. Sei es aus Einsicht in ihre Hilflosigkeit gegenüber den Dingen, eingedenk ihrer Ohnmacht gegenüber dem grenzenlosen, sich exponential beschleunigenden Wachstum der Dingwelt und dem naturgemäß damit verbundenen großem Stress künstlerischen Hinterherhinkens, bei gleichzeitiger Denkbarkeit eines gänzlichen Endes des Kunstfortschritts, was, so die Eulen mutmaßlich, zunehmend in Verzweiflung und in ausartende Raserei beim Umgang mit den Ding-Argumentationen münde. Indem die beglaubigt sich glaubenden Künstler sich die Dinge, wegen ihrer absoluten Bedeutungsvolatilität, gegenseitig an die Köpfe zu schmeißen begonnen hätten, mit der Folge schwerwiegender Verletzungen, Kränkungen und Beleidigungen. Und vielleicht, zur Vermeidung der daraus folgenden Unbilligkeit, wegen des den Dingen innewohnenden, eigendynamischen, anarchischen und terroristischen Kunstwucherungstriebs, des Werk-werden-Wollens, der notwendig unmäßig Energie und Resourcen verschleudernden und damit die Schöpfung als Ganzes bedrohenden, inflationären, selbstläufigen Kunstproduktion. Sei es aus der einfachen Einsicht des notwendigen Scheiterns des Künstlers, uneingedenk eines besseren Scheiterns.

Die Aufklärung darüber versank im Malstrom der um- und mit- und gegeneinander vermehrt sich vernebelnd umkreisenden Argumentationsschleifen der drei Eulen. Der Regen hatte aufgehört, nur die Traufe vor dem Fenster vergoss noch ihre Tränen mit einem absurden Tropf, Tropf.

Ich fühlte mich ertappt beim eavesdropping. Wie es Lorna erging, ob sie, mit den Eulen im Bunde, als overhering Lady verstand, was die Eulen verhandelten, weiß ich nicht zu sagen. Ich glaube aber, sie wusste von Beginn an, dass sich nichts verbirgt hinter all dem, was wir in den letzten Tagen gesehen und gehört hatten, dass alles uns nur unser eigenes Bild zurückgab. Ich schaute ihr in die kleinen Augen und mir war, als sagte sie: Wie unwirklich alles Wirkliche ist. Gibt’s überhaupt etwas Wirkliches außer den unwägbaren Gedanken?

Malchow, Juli 2011
Malte Wienebüttel

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Im Hof unseres Wohnhauses, in dessen Dachgeschoß Bernhard lebt, wurde kürzlich die Glyzine beschnitte