Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: die eier des teufels

Die Schale eines ausgelöffelten Frühstückseies solle man, so belehrte mich meine Tante Gertrud lachend, sofort mit dem Löffel durchstoßen, damit der Teufel seine Eier dort nicht hinein legt. Sie sagte das, wenig später nachdem sie mich hereingelegt hatte. Beim Sonntagsfrühstück neben mir sitzend, hatte sie ihr Ei verspeist und, von mir unbemerkt, die Schale im Eierbecher umgedreht und mir mit strahlend großzügigem Blick hingeschoben. Der Schlag meines auf die unerwartete Gabe eines zweiten Eies fröhlich niedersausenden Eierlöffels bei diesem, wegen des Besuch der geliebten Tante, der Schwester meiner Mutter, besonderen Familienfrühstücks, das hohl knirschende Geräusch vernichtete meine dankbare Begeisterung abrupt. Meine Reaktion darauf ist schamvoll im dichten Nebel meiner kindlichen Erinnerung verschwunden.

Eine Aufklärung über volkstümliche Gebräuche im Umgang mit geleerten Frühstückseiern war ich damals nicht in der Lage zu erfragen. Etwa, warum es nicht Sitte war, den lieben Schwager, in diesem Fall also meinen Vater, zu foppen? Oder die Frage, welche Art Teufel meine Tante wohl ritt und sie seine Eier dem arglos treuherzigen Neffen kredenzen ließ? Und die Eier des Teufels, wie konnte ich mir die vorstellen? Zu ihm, dem bocksfüßigen und beschwanzten Wüstling auf dem Blocksberg, ritten scharenweise auf struppigen Besen alte, hässliche Weibsen. Gab es einen Zusammenhang mit den ‚Bocksbeutel’ genannten Flaschen, in die der von meinem Vater geschätzte Frankenwein abgefüllt war, bei deren Nennung meine Mutter, für mich unverständlich, regelmäßig unterdrückt vergnügt kicherte? Mir kam auch nicht in den Sinn, dass der Teufel zwar kein Legehenne ist, aber immerhin in der biblischen Gestalt der ebenfalls Eier legenden Schlange, vermittelt über die Flugsaurier ein entfernter Verwandter der Hühner sein mochte. Oder war er vielleicht der gefährliche, von uns Kindern gefürchtete, Rotheländer Hahn? Das wilde Staub-und-Federn-Spektakel der Gewalt in unserem Hühnerhof, das Auseinanderstieben der gackernde Hennen, der aufgewirbelte, scharfe Ammoniakgeruch sprachen dafür, wenn er mit strammrotem Kamm, schlingerndem Halsgehänge und spektakulär schwankenden Schwanzgefieder über seine Lieblingshenne Gackelaia herfiel.

Das kleine Handbeil meiner Mutter, das ich heute, knapp sechzig Jahre später, zum Kleinholzspalten benutze, saust irgendwann nieder, ich weiß es nicht, ob vor oder nach dem Sonntagsfrühstück mit Besuch, trennt den Körper vom Kopf Gackelaias eben dort, wo der Hahn während seiner vielen wüsten Trittattacken ihren Hals bis auf die geschundene, blassrosa Hühnerhaut entfedert hatte. Zugleich die Blöße ihrer flatternden Hingabe, das Zeichen seines zügellosen, gewaltsamen Begehrens, Ziel des erlösenden Axthiebes und Schnittlinie zwischen Lieblingshenne und Suppenhuhn. In einer steilen Aufwärtsgeraden steigt ihr weiß gefiederter Körper auf zum wahrscheinlich längsten Flug ihres da schon gestückten Lebens zum weitest möglich vom Hauklotz entfernten Punkt diagonal über das drahtvergitterte Geviert des Hühnerhofs, den Boden des Geheges mit einer korrespondierenden Linie roter Tropfen im Takt des Flügelschlags tüpfelnd, einäugig beobachtet vom nach Hühnerart mit einem letzten Ruck in Blickrichtung gebrachten Kopf. Die Echsenklauen verkrallen sich im Maschendraht.

Malte Wienebüttel

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