Text aus:

Bernhard Nürnberger, die konspiration der dinge , 2013, Verlag der Universität der Künste

Kapitel: der baltische traum

1. Bild

ein leicht abschüssiger weiter platz pfützen schotter dreck verstellt mit am boden liegendem zeugs durcheinander geschmissenen resten von jahrmarktbuden schmutzigen planen plunder schwarz braun grau

2. Bild

mitten drin eine figur ein reiterstandbild callothafte kostümierung der figurine eines mageren reiters das pferd an den seiten hängen gewandfetzen hält den kopf stark nach unten geneigt der reiter schräg aufragend sitzt auf einem
knäuel vielleicht lumpen einem ballen was den körper des reiters über die kruppe des pferdes hebt kopfbedeckung spitzig nach oben eine lange tüte windschief dunkle farben zerfledderte formen

3. Bild

der rest eines karussells oder ausleger einer wippe an dessen ende ein rumpf mit kopf puppe oder krüppel großer eifömiger kopf sehr helle farben weiß rot schwarz die frisur napoleonidisch keine arme und beine der rumpf ein gewickeltes länglicher paket ein engerling verhältnis von kopf und rumpf eher großkopfig halslos kleidungsähnlich vernäht revers knopfleisten biesen sichtbar keine starken einschnürungen

4. Bild

ein überdimensionaler fischkopf stirn unten ähnlich dem getrockneten kabeljaukopf in deiner wohnung der eng bezahnte bogen des unterkiefers ragt schräg noch oben etwa schulterhoch darauf rittlinks ein zwerg winzig er liegt gegenüber der kopf rumpf figur am rand des trampelpfads auf dem ich verlangsamt durch das chaos gehe

5. Bild

jemand bietet mir eine speise an ein großer batzen in einer alufolie zusammengedrückt fleisch oder zatter blass farblos offenbar ungekocht weich und feucht triefend aus den knitterfalten der folie hervorquellend geruchlos ekelhaft

6. Bild

eine vielfach verschachtelte bude bin in einer art korridor eng niedrig bretterverschläge provisorisch abgetrennte seitliche nebenräume ich gehe weiter hinein durch eine offenstehende tür flüchte jetzt vor etwas vor jemandem komme schwer voran schließe die tür hinter mir kleiner haken keine öse rostig zweite tür weiter noch eine tür ammoniakgeruch weicher glitschiger boden federn eine reuse an den seiten kisten und kästen

7. Bild

alles unsäglich schmutzig vor mir hinter mir grauweißliche vorhänge zerschlissenes gewebe maschendrahtflächen versperren den raum diffuses graublaues licht dringt durch die verspakten veralgten polyesterwellen der niedrigen decke kleidungsstücke auf dem boden eine figur wird schemenhaft sichtbar im mantel

8. Bild

vor mir im blickfeld unvermittelt ein freier platz unterhalb des schrägen chaotischen rummelplatzes den ich jetzt im rücken habe große ebene platten rosengranit sehr sauber gepflegt drei frauen flanieren heiter ich gehe auf die gruppe zu wir alle sind gäste eines offiziellen empfangs darüber ein diesiger aber sehr heller himmel keine schatten

9. Bild

eine villa ein schlossartiger bau am platz ebenerdiger zugang ein mann löst sich aus der gruppe der jungen leute geht hinein ich folge ihm ich frage wer bist du aus einem raum blickst du blicken wir in einem weiteren raum sehen eine frau im kostüm frau merkel ein orchester dirigieren sie bewegt sich träge tänzelnd vor den musikern puppenhaft sie gibt ein zeichen pause.

10. Bild

in einer halle ein feines buffet du stehst in einem gang mit einem mir fremden mann und einer dame die er dir vorstellt frau so und so doppelname eine wichtige person die du kennen solltest peinlich

11. Bild

im freien eine breite fläche viele menschen pfeiler eine mauer bäume vor dir eine asphaltfläche darauf verstreut eine vielzahl von plastikflaschen tüten zerknülltes papier scherben zertrümmerte ziegel stofffetzen essensreste kot

12. Bild

du hockst dich auf einen bordstein ellenbögen auf den knien die unterarme parallel und waagerecht vor deinem leicht nach vorn gekrümmten rumpf deine augen blicken auf die vor dir verteilten dinge jemand hinter dir setzt dein kopfhaar in brand kleiner sehr heller weißlicher feuerschein lichtbogen einer schweißelektrode mit einer armbewegung verscheuchst du den brand

13. Bild

eine frau geht direkt vor dir in die hocke in eine haltung die der deinen gleicht gesäß auf den hacken du blickst konzentrierst auf die fläche ihrer hemdbrust ein gewebe

14. Bild

ich lüge im tal der vergessenen dinge finde ich einen nicht geringen teil meines gehirns so leer ist die rechte hälfte meines kopfes ich weiß hier lagern die künste ich finde nichts was nun? ich finde die wiese der träume deren gräser haare sind sie sind über und über mit läusen bedeckt

15. Bild

winter ich gehe wieder durch die verschmutzen bude den bretterverschlag dem ausgang zu blick nach draußen ein schmaler gang beidseitig mauern dann links ein maschendrahtzaun ich weiß dahinter ist der hühnerhof ranken einer weinrebe darauf eine schwarze amsel ich erkenne den ort wollschow

Bilder folgen