Ausschnitte aus der Eröffnungsrede von Wolf Lützen

20. März 2008

Zu Gast in einer fantastischen Ein-Raum-Wohnung.

Man muß etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen. Georg Christoph Lichtenberg.

Am Empfang weißschädelige Türsteher im Schaumstoff-Ornat, mit geschlossenen oder kaum sichtbaren Augen, lachend, einig im Spott über die Ankömmlinge, die noch nicht dazugehören. Die grüngesichtige Lorna - von Röhren erleuchtet - betrachtet eine Wand mit sechs Bildern, zuunterst Stoffe, Falten, die sich zu einer Art Figur zusammenfinden auf dem gemauerten Sockel ruhend. In der Bildergruppe finden sich schwebende Objekt-Drapierungen. Faltungen. Mitunter leuchten Körperteile auf, aber - Zweifel stellt sich ein, ob der Eindruck stimmt.
Nürnberger hält hier die Balance zwischen konkret und abstrakt, bleibt offen für Deutungen, zeigt Festes flüchtig. Es sind Zwischenwesen der Malerei, die zudem noch ihr Spiel treiben mit Wand und Boden.

Die Bilder im Raum des Gryllenkäfigs zeigen Figuren, die jeweils mit dem Ding, dem Anderen, mit Fragmenten der Welt , die sie umgibt, konfrontiert sind. Die Ding-Objekte, die teils wie fremde Wesen erscheinen, dringen auf die Figur ein, bedrängen sie. Die Figur wirkt wie ausgeliefert.
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Die zweite Bilderserie, auf die wir mit den Assemblagefiguren im Gryllenkäfig schauen und auf die auch Lorna blickt, ist jüngeren und jüngsten Datums. Farbflächen sind dort in eine Art schwer bestimmbare Insel eingebunden. Mitunter erinnern sie an Gegenstände, bilden diese jedoch nicht ab. Flächen werden gebündelt. Details erinnern an Stoffe. Nürnberger leiht hier
Strukturen, Kontraste, Klänge aus. Kunst früherer Zeiten gibt Anstoß, wird Material, das zugleich verändert wird. Diese farbigen Flächengebilde wiederum heben sich klar von einem Grund ab, der von weitem grau, graugrün oder auch leicht sandfarben erscheint, bei näherer
Betrachtung doch durchaus farbig komponiert ist – aus Farbspritzern.
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Zurück zu Ihren stummen Begleitern. Ihnen gegenüber oder zur Seite stehen die vorbildlichen Betrachter. Sie sind unendlich geduldig, ideale Besucher und Kunden. Dem Wunsch des Künstlers entsprungen, die Betrachter in der Auseinandersetzung mit dem Werk zu sehen. Am besten sogar in einen Käfig gesperrt mit der Kunst. Sollen sie so sehen, wie ihnen ist und was sich vor ihnen und um sie herum tut.
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Die Installationen in diesen Räumen nehmen uns in die Mitte, lassen uns zwischen Bilder und Assemblage.-Figuren geraten. Es gibt es Spiegel-Momente darin ohne faktische Spiegel wie nebenan, In diesem Spiel sind die Betrachter Spiegel, in ihrem Kopf spiegeln sich beide Seiten, Bilder hier und Köpfe sowie Assemblage-Figuren dort. Und das alles ist eingebunden in ein Konzept des Regisseurs Nürnberger, der sich achtersinnig über all die Irritation freut, die er hier zubereitet.
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Mein Wunsch: Gehen Sie mit ihren Augen in dieser Ausstellung spazieren. Und folgen Sie dem Rat von Franz Hessel, dieses Künstlers in dieser Disziplin. Ich ersetze nur einmal das Wort Straße durch Ausstellung in einem Zitat: „Also eine Art Lektüre ist die Ausstellung . Lies sie. Urteile nicht. Finde nicht zu schnell schön und hässlich. Das sind ja alles so unzuverlässige Begriffe“. (Franz Hessel – Die Kunst spazieren zu gehen, Berlin 1932) Und noch ein zweiter Hinweis von ihm: „Wenn du unterwegs etwas ansehen willst, geh nicht zu gierig darauf los. Sonst entzieht es sich dir. Laß ihm Zeit auch dich anzusehn. Es gibt ein Aug in Aug auch mit sogenannten Dingen“.


 

Eröffnung der Ausstellung

Die Erleuchtung und Verzückung Lornas während ihres Besuches der galerie imaginaire im Gotischen Haus zu Spandau im Frühjahr 2008

Begrüßung: Andrea Theißen, Leiterin de Kunstamtes Spandau

Einführung: Wolf Lützen

 

Lorna und ihre Wächter

1. Wärter am Gryllenkäfig