Eröffnung der Ausstellung

Nürnberger physiognimosche Fragmente

 

Fotos: Ulrich Nürnberger, Uwe Meyer-Brunswick

Passagen aus der Rede Michael Nugessers

Die Zuordnung von Steinart und Fundort sind (...) aufschlussreich, gleichsam spielerisch lassen sie sich hier beim Betrachten der Werke herstellen. Die Titel der Werke nehmen auf beides Bezug, mal so, mal so: auf das Material, wie bei „Glimmerschiefer Blick“, auf seine Farbe, wie bei „Gris Breton“ und „Grauer Osnabrücker“, meist aber auf die Herkunft, so bei „Herr Lüne“, der aus Lüneburg kommt, bei „Kretakathi“, die aus Kreta stammt, oder die „Schöne Slowakin“, die in eben dieser osteuropäischen Region herangewachsen ist. (...)

Wenn Material und Herkunft so wichtig sind, was bedeutet dies für die Köpfe? Der Stein, ein meist recht widerständiges Material, nimmt in der Geschichte der Bildhauerei einen festen Platz ein. In Stein gehauen und gemeißelt wurden mythologische Gestalten, berühmte Feldherren und Kulturträger. Stein ist ein für Denk- und Grabmäler besonders geeignetes Material – in der ästhetischen Rangfolge sicher an oberster Stelle, nicht zuletzt wegen der beschwerlichen und schwierigen, lang andauernden Bearbeitung, bei der im Gegensatz zur aufbauenden Plastik jeder Schlag sitzen muss – weg ist weg. Im Stein überleben, Jahrhunderte überdauern – das ergab einst für so manchen Künstler Aufträge, Herrscher und Geistesheroen für Paläste und Kulturtempel zu verewigen. Nürnbergers Köpfe sind hingegen anders. Es sind nicht Porträts, wie man vielleicht annehmen könnte, wenigstens keine individuellen, sondern Typen-Porträts. Sie besitzen ihren Ursprung vor allem in der Karikatur, derer sich Nürnberger viele Jahre lang mit dem Stift verbunden fühlte. Bildhauerische Ahnen sind die Charakterköpfe des Franz Xaver Messerschmidt und die Prominentenporträts von Honoré Daumier, der für seine gezeichneten Karikaturen häufig Gips- oder Bronzemodelle verwendete. Dass Nürnberger sich dem Stein als Medium zuwenden würde, überrascht trotzdem, gerade wegen des biographisch bedingten karikaturistischen Hintergrundes. Bedenkt man aber die so verschieden geartete Stofflichkeit der Steine, ihre teils schon vorgegebene und für die motivisch fest gelegte Bearbeitung nicht immer günstige Form, kommt man der Konzeption des Künstlers auf die Schliche.

Glatte und schroffe Oberflächen, schwache oder starke Porosität, ungewöhnliche Tönungen, Adern, Flecken, Löcher, Einsprengsel aller Art bilden bei der Bearbeitung wichtige Stimuli, um bestimmte Kopfformen und Gesichtszüge zu erreichen, Mienenspiele und Grimassen, die zwischen höchster Konzentration oder Erregung, Hochmut oder Ekstase, Langeweile oder Ausdruckslosigkeit changieren. Die Köpfe wuchsen aus dem amorphen Gestein hervor, als seien sie schon immer dort gewesen – oder fanden sie nur den Weg aus der Vorstellung ihres menschlichen Schöpfers in den realen Raum, als seien sie deren materialisierte Kopie? Beides trifft zu und auch nicht. Die Ausformung der Köpfe unterliegt den Anstößen des Arbeitsprozesses im Wechselspiel aus aufsteigenden Erinnerungen und momentanen Eingebungen, aus Ideen und Anmutungen, aus Versuchungen und Experimenten.
Nirgendwo sucht Nürnberger dabei das Ideale, das Schöne, Harmonische oder Normative. Auch die Plastiken, also die geformten und gegossenen Werke, wie „Primos Bronzebruder“ oder „Bleikopf – Stahlbrust“ machen da keine Ausnahme. Sie wirken zwar vollendeter, abgeschlossener, glatter, maskenhafter – doch auch sie verkörpern Gemütszustände und Charakterhaltungen, teils in so konzentrierter und komprimierter Form, dass sich jegliches Bestimmen und Festlegen-Wollen in einen einzigen Interpretationsfluss auflöst. Der Zufall spielt in den von Nürnberger so genannten „physiognomischen Fragmenten“ eine ebenso große Rolle wie das Symbolische einzelner Konturen und Farben, Fehlstellen und Verformungen sowie gelegentlicher Materialassemblagen, die nicht auf Krankheit oder Missbildung hinweisen, sondern psychologisch- existenziell gelesen werden wollen. ...

Begrüßung: Andrea Zeyns, Direktorin der Bibliothek, .......................... ...........Prof. Martin Rennert, Präsident der UdK Berlin .............. .......... Einführung: Michael Nungesser