Prenzlau, Oktober 2010

 

Firlefanz

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Das Glyzinengeflecht als "Gerücht"

"Kläre Schlamm" als träumender Satyr

     
 

Primo von Randow ist irritiert

VON MALTE WIENEBÜTTEL

PRENZLAU Begrüßt wird der Besucher der Sakristei im Dominikanerkloster von einem Gesicht, das ihn verschmitzt, schräg von unten anschaut. Es ist ein fein geäderter, rosafarbener Kalkstein, ein typisches Kopfstück, wie Bernhard Nürnberger seine Skulpturen nennt. Der Bildhauer und Maler lebt und arbeitet seit 11 Jahren mit seiner Frau Karin Christiansen, die zuvor in der ehemaligen Sakristei ihre Holzskulpturen gezeigt hatte, in Wollschow bei Brüssow.

Betritt der Besucher den Raum, so stellt er fest, dass mit ihm etliche andere Kunstfreunde anwendend sind. Mehr als 25 Kopfstücke scheinen locker gruppiert auf ein Objektarrangement zu blicken. Ein hohes kubisches Stahlgestänge, in dem oben ein „Gesichterhaltegestrüpp“ schwebt. So nannte es ein etwa elfjähriger Junge. In sich verschlungene, weiß gestrichene Glyzinenstränge, an denen Keramikgesichter befestigt sind. Ich sehe darin „Das Gerücht“, sagte die Mutter des Jungen. Darunter hängt eine bizarr verdrehte, menschliche Figur. Grotesker Keramikkopf, zerschlissener, fleckiger und weit klaffender Synthetikmantel, Hartriegelzweige. Bernhard Nürnberger hat sie aus dem Untergrund seiner Hofstelle in Wollschow ausgegraben, sagt er. „Der Mantel stammt von Edith K., die dort wohnte...“

In der Sakristei scheint der Untergrund ebenfalls geöffnet zu sein. Ein rot-weißes Flatterband hindert den Besucher hineinzufallen. Man blickt in eine tiefe Gruft, darinnen die Spiegelbilder der hängenden Objekte. Tief wie hoch, der gewölbte Raum und die Dinge stehen auf dem Kopf. Was ist Realität? Was ist Vorstellung? Was ist wirklich, was wahr, was Fantasie? Unser Besucher kann in den vielfältigen, mimischen Ausdrücken der Steinköpfe seine eigenen Empfindungen und Fragen gespiegelt sehen. Oder er lässt sich vom Reiz und von der Schönheit des Gesteins bezaubern, in die die Physiognomien eingemeißelt sind. Dass die Objektinstallation mit dem Namen FIRLEFANZ hier im Kloster allein seiner Fantasie entsprungen ist, bestreitet der Künstler schmunzelnd. „Das ist zu wenig. Jeder, der hier reinkommt, ist daran beteiligt. Alles fließt, in der Ucker, im Untergrund und in den Köpfen.“ Zu hoffen ist, dass der Besucher den Kopf oben, hell und heiter den Ort verlässt.

 
 
20. 10. 2010
 

Links zu den Vorgängen:

   
Kopfstücke  
Kläre Schlamm: Vorgänge  
Glyzinengeflecht: Vorgänge  
1. Mai 2010: Leichen im Keller  
Satyrs Traum  
Satirisch-soziale Skulptur vbk  
randowkurier