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Baustelle!

EINWÜRFE

VON MALTE WIENEBÜTTEL

 

wurde kürzlich die Glyzine gemeuchelt

 

 

man hatte vermieden

 

 

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VON EINER TEEPUPPE  UND VON SELBSTVERGESSENHEIT

ASPEKTE KÜNSTLERISCHER TÄTIGKEITEN ZUR AUSSTELLUNG “SCHLAF DES FAUN...“ VON BERNHARD NÜRNBERGER in der ABGUSS SAMMLUNGANTIKER PLASTIK BERLIN
                             [MÄRZ 2010]

VON JÜRGEN HOFFMANN


1
Im Hof unseres Wohnhauses, in dessen Dachgeschoß Bernhard lebt, wurde kürzlich die Glyzine beschnitten; sie hatte den Aufstieg binnen zweier Jahre  wieder bis hinauf ins Dach geschafft und verdunkelte die Räume, deren Fenster zum Hof hinaus liegen. Eines Tages war das Laub der Kletterpflanze, das Bernhards Küchenbalkon beur-waldete, schlagartig welk, man hatte versäumt, ihm von der bevorstehenden Beschneidungsaktion Kenntnis zu geben, aber das plötzliche Schlappmachen des Balkon-grüns warf ihn  ihn nicht um, weil er  eh meint, die Um-weltkatastrophe sei längst eingetreten.  Der Laubschnitt wurde zu Bergen  aufgeschüttet, welche nach kurzer   Lagerfrist im zweiten Hof  nurmehr luftig, weil inzwischen blattlos, aus Zweigen und Ästen struppig zusammen-gestoppelt dalagen, und diese  Zweige und Äste hatten in ihrem  noch nahezu schnittfrischen Zustand die Eigenschaft, bruchlos biegsam zu sein.  Diese bemerkenswerte  Menge  freien Materials muss  Bernhard wie  Versuchung  gelockt haben, er widerstand nicht:
Durchs Fenster sehe ich ihn im Galerieraum  der KUNST-KAMMER FRIEDENAU knien, vor sich und um sich herum die übermütigen meterlangen Volten und Kapriolen der Glyzinenäste und -zweige. Er ist dabei, einzelne Abschnitte des  Strauchwerks zu einem Gerippe, zu einem  räumlichen Gebilde von glatt dreifünfzig Metern Länge bei einsfünfzig Höhe zusammenzubinden, einem sehr luftigen Volumen, dem sozusagen die Haut abgezogen und das Innenleben ausgeräumt wurden. Die Galerie ist hell beleuchtet, drum herum Winterdüsternis im Friedenauer Kiez – und darin der am Boden Knieende vertieft , wie es den Anschein hat, in seine Sache.    

Die Tage sind kurz,  vor Toresschluss will die Ernte ein-gefahren sein. Das  bedeutet  für den Künstler: Mit jedem neuen gelungenen Stück wächst in Atelier und Depot  die Menge des Fertigen, im Kopf jedoch türmt sich der Berg  der things-do-be-done, der noch zu schaffenden Dinge, denn die zuletzt gefertigte wohlgeratene Sache  ist aus-gesetzt dem Sog der Besseren; das vorzüglich Gekonnte steht im Attraktionsfeld eines noch höheren Könnens.  Ars longa - vita brevis.   Die vorhandenen, im  wörtlichen Sinn vor der Hand liegenden Artefakte legen eine Linie aus, die aufzugreifen hat, wer, unterwegs im Labyrinth, voran-kommen will.  Wenn denn also die Tage gezählt sein sollten – warum  wendet sich der Künstler aus heiterem Himmel einer Sache zu,  die offenbar  vom vorhandenen Material  angestiftet wurde, anders aber nicht und schon gar nicht logisch motiviert erscheint? Was macht diese Bastelei zu seinem Ding?  Bernhards Tätigkeiten geben zu denken; ich beobachte ihn beim Sammeln diverser Dinge, so divers und ohne gemeinsamen Nenner, dass ich gar nicht erst versuchen mag,  ihr kleinstes gemeinsames    Vielfaches  zu ermitteln, - planlos, zufällig, willkürlich, bedenkenlos, unhygienisch.

2
Jüngst freute er sich vorbehaltlos  über ein just gefundenes Gummiferkel, dem seine als Müll zugebrachte Aus-Zeit einen schönen Pelz,  schöne Flechten auf den Gummibuckel gezaubert hatte. Seine wiedergefundene Zeit wird das auferstandene  bepilzte Gummiferkel  unter Bernhards Geschöpfen, seinen homunculi und Lemuren zubringen. In welcher Form? Zu welcher Gestalt?
Wie produziert er?  Manchmal zeichnen wir Akt nach gemeinsamen Modellen, ein andermal sehe ich in der   KUNSTKAMMER  oder an den Arbeitsplätzen in seiner Wohnung ästhetische Produkte in Momenten ihres Werdens, und meistens überrascht  mich, was ich sehe. Was für Materialien  er in Betracht zieht und überhaupt in die Finger nehmen mag!  Noppenfolie!  Isolierwolle!  Gemeines Kabel!  Wo hat er das  gelernt -  falls man so etwas - abweichendes Verhalten -  erlernen kann? Schaumgummi! Plastiktüten!

Sein Professor, in dessen Atelier an der Hochschule für Bildende Kunst er gemalt und gezeichnet hat, hardware-Bildhauer Ludwig Gabriel Schrieber, pflegte ihn mit den Worten anzufeuern:
„Tun Se, Nürnberger, tun Se!“

Bernhard ist dieser Aufforderung nachgekommen, sie war nicht nötig. Kunst - das ist für ihn primär KUNST MACHEN. Manchmal beginnt er schon während des Frühstücks, an einem Klump  herumzukneten, beispielsweise an der Silikongussform eines antiken Kopfes, den ersten frisch abgezogenen Abdrücken auf Tontafeln , die schief und krumm und schielend neben dem Omelett und der Tee-tasse den Frühstückstisch bereichern.  Das Salzfass ist gut geeignet, um als Kinnstütze für einen Terracottakopf Dienst zu tun, und das Frühstücksbrettchen kommt gerade zu pass als Untersetzer für den neuen Kopfabguss.
Eines  zwielichtigen Tages  hat sich – offenbar über eine Hintertreppe - eine Figur der Gruppe Bernhardinischer Gestalten hinzugesellt, die von ihrem Hersteller Lorna geheißen ward, um sich fortan in seinen Ausstellungen einzunisten und – auseinandergenommen -  im Depot breitzumachen. Eine Zeit lang gab diese Groteske vor (vermochte gar,  diese Fiktion ihrem Urheber gegenüber eine Zeitlang durchzuhalten), sie wäre Ausgeburt allein des Materials, aus dem sie  konfiguriert ist – von Terracotta bis Tüll -,  weiter wäre sie nichts, nichts als von traumhafter Hässlichkeit.  Aber dann kam ihr Bernhard auf die Schliche: begann zu grübeln.  Erinnerte sich einer gewissen Teepuppe in den Tiefen seiner Biografie, die dem gleichen formalen Gliederungsmuster  unterlag wie   ihre späte Schwester, die Lorna.  Und fand zudem noch im Konvolut früher Bildwerke – einer Geburtsurkunde authentisch entsprechend- jene Gouache aus der Studienzeit 6oer Jahre - die genau diesen Figurentyp Teepuppe Lorna aufweist. Hier stellt sich die  Frage nach der Unabhängigkeit, der Freiheit  von  Phantasie:
Dürfen wir sicher sein, dass wir, was immer wir wollen,  uns vorstellen können, oder beherrschen uns frühe inhaltliche Prägungen, die uns beispielsweise bestimmte Formen  der weiblichen Brust oder gewisse Petticoatformen ein Lebenlang non plus ultra finden lassen  und ein Lebenlang  suchen, lieben, begehren? (...)

3

Es ist ja nicht so, daß Bernhard, eine Figur aus Schiet und Strick zusammenknotend, darum verachtete, dass bestimmte  Gebilde im Bronzeguss toll aussehen würden, oder dss er etwa den Reiz eines edlen Zeichenpapiers  verleugnete, wenn er unsere Aktmodelle mit vulgären hergelaufenen Farbstiften auf der Rückseite alter Plakate festhält. Manches bewahrt er in Terracotta, in Bronze, in Eisenguß auf, was anderen nur einen müden Blick aber keinen Gedanken wert  ist. Er ist als Künstler dem Material verfallen wie ein Süchtiger seinem Stoff.  Ich vermute also, dass seine Gestaltungsphantasie in dem einen ihrer Flöze sicher vom Material gespeist wird. Eine weitere  Ader aber beherbergt Inbilder, deren Herkunft einstweilen unbenannt bleibt.
Seine Köpfe in Stein Terracotta Eisen Bronze sind mir reihenweise bekannt, ich staune jeden einzeln an. Wie ist es Bernhard möglich, in seinem Hirn und seiner Hand so unterschiedliche Fähigkeiten Fertigkeiten Neigungen Leidenschaften unterzubringen, die einerseits Hohn und Spott und trash zeitigen, andererseits demütige Wiedergabe-Genauigkeit einer Stufe ermöglichen, die hohen ästhetischen Ansprüchen zu genügen vermag.? (Denke an die Wiedergabe eines Auges, wo gar die millimeterscharfe Oberkante des Augenlids Erwähnung findet…) Wir Betrachter brauchen nur hinzusehen, um nachzuentdecken, was er gesehen und gestaltet hat.
Diese Tätigkeiten gehören zu einem Typ von Aktivität, in welcher Bernhard seine eigene Kompetenz ein um das andere Mal erneuert und erweitert, die Aktivität auszuführen, - eine Aktivität, die im selben Atemzug aber auch ein ums andere Mal besser imstande ist, das Objekt herzustellen und zum Glänzen zu bringen. Die Tätigkeit findet ihren gewundenen Weg zwischen bodenloser Spontaneität einerseits, dem Kanon  feststehenden,  gebildeten und gewachsenen  Könnens und Wissens andererseits. Und stets spielen dabei Humor und Ironie, bisweilen absurd und schwarz im Wesen, ihren Part.

Ich denke : „Wie ein Knabe ... einerseits. Andererseits …“ Es geht um die Selbstvergessenheit des Tuns, die ohne die Anstrengung von Arbeit  und belebend sein kann wie gelingende Meditation. Jetzt sehe ich , dass  unter der Decke der Hauswerkstatt in der Remise ein schon fertiges Gebilde schwebt, luftschiffartig, Spanten eines Bootes, um in den Himmeln zu schippern. Bei späterer Wahrnehmung dieses Gebindes habe ich den Eindruck, daß es sich wohl eher um die Schädelform eines Wildschweins handelt, monströs vergrößert. Neuerdings beherrscht ein freies schwingendes elegantes Lineament  eine Wand seines Wohnraums. 

Ich frage mich, warum spielen die einen weiter während eines ganzen Lebens, die anderen nicht? Jeden Tag, jeden Morgen die gleichen Spiele wie am Tag zuvor – warum ist diese Wiederholung der Handgriffe ein so auffälliges Merkmal gewisser schöpferischer Personen? Wenn ich mir beispielsweise die  Manier des Zeichnens vergegenwärtige, die ich bei unseren Übungen im Aktzeichnen an Bernhard beobachte:
Seine Figuren sind Ergebnisse fortgesetzter, andauernder Übung, Einübung im Figurensehen und in der Figurendarstellung. So und so hat er schon oft eine Schulter, einen Arm auf den Punkt gebracht, die Linie so und so sich gefügig gemacht.  Es ist nicht die signifizierende einzelne investigative Zeichenspur, sondern das Linienbündel, mit der die Modellgestalt eingeholt wird. Bernhard zeichnete von Anfang an,  und er  tut es weiterhin, weil die wiederholte Übung sich selbst negiert und über sich selbst hinaustreibt. Das schließt Versuche ein, zum Beispiel durch Anreicherung des Sehens durch anatomische Kenntnisse voranzukommen.  Diesmal, gerüstet mit neu angeeignetem anatomischen Wissen, wird alles ganz anders gemacht. - Aha? Wie das?  Wenn  das Modell fort ist,  erweist sich doch unbezweifelbar, dass auch die jüngste Zeichnung ein echter Nürnberger geworden ist. Ich deute seine  renaissancehaft schönen Frauenfiguren in Bronze, die in dieser Ausstellung nicht zu sehen, nicht einmal zu ahnen sind, als Verdinglichungen  seines Verlangens  nach SCHÖNHEIT;  nach der schönen Linie, die er beim Zeichnen betreibt,als Fortsetzung der Suche nach Schönheit in nicht nur lumpigen zwei, sondern prallen  drei Dimensionen. Wenn die Suche mit einem Fund gelingt, mag Bernhard zurückschrecken wegen des Glanzes und des Strahlens dieser  handgemachten Frauen. Obwohl voll Freude wegen des Gelungenen, möchte er sie fremden Blicken eher vorenthalten und interpretiert sie bei nächstbester Gelegenheit  um zur schaurig-schönen Groteske z.B. mit spaßeshalber übergroßem Kopf oder  macht Torsi aus den Idolen, ergötzlich  ohne Gliedmaßen. Soll ich da lachen oder weinen?
Nur wer ins Ungekonnte und ins Ungesicherte vordringt, (sagt Sloterdijk),  wird konfrontiert mit dem Problem, eventuell abzustürzen. Der (moderne) Künstler befindet sich in einer Lage, die ohne den inhärenten Zug zum Scheitern nicht zu denken ist. Das gewollte und gewählte Abstürzen muss man sich als professionelle Katastrophe,  die gegebenenfalls okkult bleibt, vorstellen. Auf Worte gebracht,  könnte die Katastrophe darin bestehen, dass es einem Künstler nicht gelingt, dem Weißen Rauschen um ihn herum und in ihm  Neues, neue Formulierungen, neue Artikulationen abzugewinnen. Er ist unbedingt darauf aus, im täglichen Kampf um das Tätigsein und gegen das Nicht-Sein auf das höchste Podest des Siegertreppchens zu stehen zu kommen.  Seine Chance ist die Infragestellung dessen, was er kann, um durch Negation früherer Errungenschaften - auch jenen der Lehrer -  mit neuesten Sachen desto frischer, jünger, neuer zu strahlen. Man muss sich klarmachen, daß es für den (modernen) Künstler darum geht, den Ast abzusägen, auf dem er sitzt, und natürlich darum, dennoch nicht abzustürzen. Das ist ersichtlich logisch ausgeschlossen. Was tun? Entweder die Metaphorik fallenlassen, die Aporie ertragen oder den Baum wechseln.
Aber diese Gefahr ist die andere Seite der Chance, die jeder neu heraufziehende Tag darstellt. Jeder neue Tag mag  neue Situationen darbieten, damit also die Chance, etwas Neues zu tun und zu lernen.  Irgendwo zwischen haltloser Impulsivität und handwerklichem Wiederholungs-zwang ist der Standplatz des Künstlers. Oliver Cromwell soll gesagt haben, nie steige ein Mann höher, als wenn er nicht weiß, wohin er geht.