Ömer Eldarov und Bernhard Nürnberger in der Galerie Berlin-Baku

Januar/Februar 2011

 

 

Ömer Eldarov und Bernhard Nürnberger in der Galerie Berlin-Baku

Irre und Unbeirrbare

von Adriano Rossi

Die Atmosphäre ist dicht in den zwei kleinen Räumen der Galerie Berlin-Baku. Es bleibt wenig Platz, sich zwischen den Ansammlungen von bizarren Kopfstücken Bernhard Nürnbergers, die auf einem Tisch und auf Stelen stehen, zu bewegen. Materialien und Physiognomien, kombiniert zu einer exzentrischen Intensität des Andersseins, nehmen, kraft ihrer Anwesenheit, den gesamten Raum in Beschlag. An den Wänden hängen großformatige Schwarz-Weiß Fotografien von monumentalen Skulpturen Ömer Eldarovs, Staatsbildhauer Aserbaidschans und virtuoser Altmeister der sowjetischen Kunst. Streng und herrlich blicken die Götter des politischen und künstlerischen Olymp von den Wänden über die Köpfe hinweg und werfen, in eine unsichtbare Rüstung gehüllt, alle ihnen fremde Schwingungen zurück in den Raum.
Zwischen den Köpfen Bernhard Nürnbergers und den fotografierten Skulpturen Eldarovs entwickelt sich kein Dialog, vielmehr führen sie eine stumme Parallelexistenz als wüssten sie nicht voneinander. Das Medium der Fotografie trägt dazu bei, die Distanz zwischen beiden Welten noch  vergrößern.

Wird man jedoch der verwandtschaftlichen Bande zwischen beiden Welten gewahr, verwandelt sich Distanz in ungewollte Ironie.
Denn die ästhetischen Spuren jenes Pathos, mit dem Eldarov die dargestellten Persönlichkeiten glorifiziert, lassen sich zurückverfolgen. Pose, Faltenwurf und Komposition sind ein eklektisches Spiel mit Stilformen aus der Zeit der gotischen Kathedralen, aus der italienischen Renaissance und der klassischen Moderne.
Auch Bernhard Nürnbergers Köpfe erinnern an antike Verwandtschaft aus Rom und Florenz. Ein Zweig der Familie, der sich jedoch in eine ganz andere Richtung entwickelt hat, als jener der Skulpturen Ömer Eldarovs. Senatoren, Feldherren und hochgestellte Herrschaften sind deformiert, und vernarbt. Offene Wunden und Versehrungen tragen sie selbstvergessen und schielend zur Schau. Die Farben und Strukturen der Steine greifen in Licht und Schatten ein, prägen und verfremden die Gesichtszüge, werden zu Flecken, legen offen und verschleiern. Befreit vom geschichtlichen Auftrag, künden sie der Welt in obszöner Weise von sich selbst.
Es ist, als kehre der eine Zweig der Familie Degenerationen ungeniert nach außen, welche der andere durch die tradierte Ästhetik des Erhabenen von sich zu weisen sucht. Parodie und pathosbeladene Inszenierung sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sehen. Die einzigen, die es nicht wissen, sind die Schauspieler.

(c) Adriano Rossi