Bernhard Nürnberger: galerie imaginaire.de

Die Enteignung

Alte Spinnerei Malchow

Juli 2011

*

 

 

Alte Spinnerei Malchow. (Mecklenburg-Vorpommern)
Geschichte: 1907 / 1908 errichtet; Tuchfabrik Becker & Co. - 1935 Produktion von Flanellen, Leinen, Filtertuchen und Mantelstoffen, danach Stoffe für Wehrmachtsuniformen – nach 1945 Enteigung und Demontage, Abtransport des Maschinenparks in die Sowjetunion - nach 1945 genossenschaftliche Lohnspinnerei, Weberei, Färberei, Hauptproduktionsstätte von Strickgarn - 1972 volkseigenen Betrieb, Produktion von Bettwäsche, Sackgeweben, Handtüchern, Malimo-Verpackungs-material - 1990 Auflösung der textilen Produktion

*

Die Enteignung

Das so genannte „DDR Museum“ im ehemaligen Filmpalast von Malchow ist gut besucht von Leuten aus der Region und von Urlaubern. Zu sehen ist mehr eine Ansammlung als Sammlung einer Vielzahl von Alltagsgegenständen mit einer frappierend trüben Aura, deren Zusammengehörigkeit sich unter anderem in einer durchgängig verringerte Sättigung aller Farben ausdrückt. Die Dinge wirken, als habe ein alles regulierendes, jede Entwicklung anhal-tendes Konzept ihrer Gestaltung zu Grunde gelegen, als nähmen sie einen angestrebten, als bleibend vorgestellten Zustand der Gesellschaft vorweg, ein im Stillstand fixiertes Verhältnis der Menschen und der Dinge, und als dokumentierten sie eine Art konzeptueller Erschöpfung und Verweigerung ihrer ehemaligen Nutzer. Ohne alle Worte vermitteln die musealen Stücke, dass ihnen die Menschen ab-handen gekommen sind.

„Betreten verboten! Einsturzgefahr“ warnt ein Schwarz gerahmtes Schild mit großen Lettern Rot auf Weiß am provisorischen Zaun um die Alten Spinnerei in der Inselstadt Malchow. Über einen verwahrlosten Garten findet sich jedoch leicht ein Zugang, seitlich einer der für Malchow typischen Stichstraßen, die in regelmäßigen Abständen zwischen den Grundstücken zum Fleesensee hinunter führen, für jeden, der fest entschlossen ist, ohne Erlaubnis und die Gefahr missachtend, die große Akademie in den Räumen der Spinnerei zu besichtigen, um die legendären Projekte zu sehen, mit denen Wissenschaftler und Künstler sich hier beschäftigen sollen.

Die große Akademie ist kein zusammenhängender Bau, sie besteht aus einer Reihe verschiedener Gebäude, die, bei fortschreitendem Verfall, von einem Investor gekauft und für die Zeit bis zum Baubeginn – es ist von einer Hotelanlage oder einer Rehabilitationsklinik die Rede - von Künstlern als Zwischennutzer bespielt wird. Im DDR Museum war mir gesagt worden, jeder Raum der Alten Spinnerei beherberge einen oder mehrere der Projektmacher.

Viele Tage lang ging ich zur großen Akademie, jedoch war meine Suche während mehrerer Tage vergeblich. Zu meiner Enttäuschung war der weitaus größte Teil der Hallen, Räume, Kammern, Keller und Flure leer und in einem äußerst desolaten Zustand. Nach jedem der in diesem Sommer so häufigen Regengüsse tropfte, plätscherte, rann das Wasser allenthalben über die Wände, von den Decken, stand in großen Lachen auf den Bodenflächen des Parterres und des ersten Stocks, dergestalt dass weite Areale der Akademie für mich unbegehbar blieben. Einigen Zonen lagen in schwachem Dämmer, nur spärlich drang Licht durch Ritzen zwischen den Brettern, mit denen die Fenster vernagelt worden waren, oder in völliger Dunkelheit, dass hier jeden Schritt zum Fehltritt oder gar zum Absturzrisiko werden ließ. Ich war weder in der Stimmung noch in der Verfassung Erkundungen in den dunklen und feuchten Tiefen der Akademie zu wagen.

Der erste Künstler, den ich endlich in einem maroden Nebengebäude antraf, war von armseligem Aussehen, verrußt an Händen und Gesicht; Haare und Bart lang und zottig und an mehreren Stellen versengt. Seine Kleider, sein Hemd, seine Haut waren alle von der gleichen Farbe. Er habe acht Jahre an einem Projekt gearbeitet, Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen, diese in hermetisch verschlossene Gefäße gegeben, die in rauen, unfreundlichen Sommern, wie dem diesjährigen, herausgelassen werden sollten, um die Luft zu erwärmen. Er sagte mir, er zweifle nicht daran, nach weiteren acht Jahren im Stande zu sein, mit Hilfe dieser Speichertechnik alle Wohnungen der Inselstadt Malchow zu einem annehmbaren Preis mit Gurkenenergie beliefern zu können. Er klagte jedoch darüber, dass sein Betriebskapital gering sei, und bat mich, ihm etwas als Ermutigung für seinen kreativen Erfindungsgeist zu geben, zumal die Gurken in diesem Jahr sehr teuer gewesen seien. Ich gab ihm ein kleines Geschenk, denn ich hatte mich zu dem Zweck mit ein wenig Kleingeld versehen, weil ich die Gewohnheit visionärer Künstler kenne, alle, die sie aufsuchen, anzubetteln, - der gängige Ablass. Er sollte der einzige Projektmacher bleiben, den ich in der Akademie antraf.

An einem Sonntag nach einem Besuch bei B*, der sich zu dieser Zeit ebenfalls in Malchow aufhielt, ging ich wieder zu der Ruine und bemerkte auf dem Weg zum Eingang einen vergessenen Schatten, der mir in seiner aktuellen Charakteristik sagte, dass er ebenfalls hier gewesen war. Dabei stand ein Gewitter, Dunkelschwarz mit vergoldeten Rändern im Hintergrund des Baus; dasselbe hatte schon die Gegend von Malchow ausgedonnert und nachdem noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung, wo sich der Eingang befand, geschleudert hatte, sank es zu Dünsten aufgelöst, missvergnügt murmelnd im Osten ab. In der Eingangshalle wurde ich nun von L*, die mir aus einigen B*schen Projekten sattsam bekannt war, in der Rolle, wie ich annehme, der Präsidentin der Akademie, wenn auch wortlos, so doch sehr freundlich aufgenommen. Von nun an begleitete sie mich bei meinen Erkundungen in der Akademie. Während der folgenden Tage sah ich, dass B* die stillen, leer stehenden Räume zuerst vereinzelt, dann zunehmend mit seinen Werken ausstattete, ja ich hatte den Eindruck, dass er die Akademie nach und nach besetzte, regelrecht sich angeeignete. Das Dämmerlicht und die je nach dem Wetter wechselnde Unzugänglichkeit der Räume ließen mich in der Unsicherheit, ob ich die mir aus voran-gegangenen Aufstellungen meist bekannten Dinge bei meinen ersten Besuchen nicht bereits gesehen hatte oder meine Wahrnehmung durch den Anblick des zurückgebliebenen Schattens geschärft worden war. B. selbst traf ich bei seinem Tun in der Akademie nicht an.

Eines Nachmittags gelangte ich gerade noch in den Hauptbau, bevor ein Regenguss niederging. Im Garten prasselte und rauschte der Regen; eine Regentraufe (sie musste ein Loch haben) vollführte gerade vor dem Fenster ein Jammertheater mit komischen Schluchzern und gurgelnden Jammerlauten, unterbrochen von jähen Pausen…
L* hatte mich zu einem Zimmer geführt, von dem ein mit Schutt versperrter schmaler Korridor abging, an dessen Ende in einiger Entfernung ich an der abschließenden Wand bewegte Schatten wahrnahm, die für mich, als diffuse Erinnerungsbilder aus einer großen zeitlichen Distanz erscheinend, dennoch fraglos die Schatten dreier schmutziger Eulen waren.

Der Wolkenbruch ging mit dem lauten, ununterbrochen Rauschen einer hereinkommenden Flut nieder, mit dem Laut einer hemmungslosen, niederschmetternden Wut, die das Bild einstürzender Brücken, entwurzelter Bäume, unterspülter Berge heraufbeschwor. Niemand vermochte sich dem kolossalen und ungestümen Strom entgegenzustemmen, der strudelnd gegen die trübe Stille anbrandete, unter der wir ein so unsicheres Obdach gefunden hatten, wie auf einer Insel. Die durchlöcherte Traufe gurgelte, würgte, spuckte und spritzte mit der ganzen schmerzlichen Komik eines Vorgangs, bei dem es um Leben und Tod geht. Die Schatten meiner Eulen im Blick, erkannte ich nach und nach in den skurrilen Tönen des Wassers ihren in einem, wie mir schien, altertümlichen Englisch ausge-fochtenen, gelehrten Disput und nach und nach wurde mir klar, es ging um die Projekte, die hier in der Akademie entwickelt und verwirklicht worden waren.

Ich fasse, was ich hörte, so zusammen:
Das erste Projekt bestand, wenn ich richtig verstand, darin, das Sprechen dadurch abzukürzen, dass man vielsilbige Wörter zu einsilbigen beschneidet und Verben und Partizipien auslässt, da alle vorstellbaren Dinge in der Wirklichkeit ja doch nur Hauptwörter seien.

Das zweite Projekt war ein Plan zur völligen Abschaffung aller Wörter überhaupt. Ich hörte sagen, dass dies die Gesundheit außerordentlich fördere und Zeit sparend wäre. Denn es sei klar, jedes Wort, das wir sprechen, verkleinere in gewissem Maße unsere Lungen durch ihre Abnutzung und folglich trage dies zur Verkürzung unseres Lebens bei. Es wurde deshalb folgender Ausweg vorgeschlagen: Da Wörter nur Bezeichnungen für Dinge sind, sei es Zweck dienlicher, wenn alle Menschen die Dinge bei sich führten, die zur Beschreibung notwendig seien, der speziellen Angelegenheit, über die sie sich unterhalten wollen. Und zur großen Bequemlichkeit und zur Erhaltung der Gesundheit der Menschen hätte diese Erfindung sicherlich Eingang gefunden, wenn nicht die Weiber im Verein mit dem Pöbel, den Kunstbanausen und den Analphabeten(!) gedroht hätten, einen Aufstand anzuzetteln, falls man ihnen nicht erlaubte, weiter nach Art ihrer Vorfahren mit ihren Zungen zu reden. Solch ein beharrlicher, unversöhnlicher Feind der Wissenschaft ist das gemeine Volk, klagten die Eulen.
Dennoch seien, diesem Widerstand zum Trotz, die bildende Künstler Anhänger des neuen Projekts geworden, sich mittels Dingen zu äußern. Es bringt nur die eine Unbequemlichkeit mit sich, dass jemand, dessen Ausdruckswollen sehr umfangreich und von anspruchsvoller Art sind, ein entsprechend größeres Bündel von Dingen auf dem Rücken tragen muss, falls er es sich nicht leisten kann, dass ein oder zwei starke Assistenten ihn begleiten.
Vor meinem geistigen Auge sah ich zwei dieser Künstler unter der Last ihrer Bündel fast zusammen-brechen, wie früher bei uns die Hausierer. Wie sie sich auf der Straße begegneten, sie ihre Lasten nieder legten, ihre Säcke für einen ästhetischen Diskurs öffneten und sich eine Stunde lang unterhielten; dann packten sie ihre Utensilien wieder ein, halfen einander, ihre Bürden wieder auf den Rücken zu nehmen, und verabschiedeten sich.
Für kurze Gespräche, hörte ich weiter, aber könne man das Zubehör, um sich hinlänglich auszustatten, in den Taschen und unter den Armen tragen, und zu Hause kann man nicht in Verlegenheit kommen. Und sei in Mode gekommen, Vereine und Arts Clubs zu gründen und damit Räume zu schaffen, wo die Künstler zusammenkommen, voll von allen griffbereit daliegenden Dingen, die erforderlich sind, um Material für diese Art künstliche Unterhaltung zu liefern.

Über das dritte Projekt sprachen die schmutzigen Eulen in heftigstem Disput, die Argumente gurgelten wüst, sie würgten einander, sie spuckten und spritzten, dass ich Mühe hatte, mir einen Reim darauf zu machen. Es sollten alle Künstler abgeschafft werden, darum ging es. Ob es nun die Dinge sind, die den Bettel hinschmeißen, weil sie es satt haben, die ihnen aufoktroyierte Aufgabe, Kunst sein zu sollen und irgendwelchen Künstlervorstellungen gemäß Rätsel aufzugeben, ob sie es also sind, die sich dem Diktat des Künstlers und dem Genuss des Connaisseurs beziehungsweise der Unlust des Pöbels usw. ent-ziehen, und damit die Künstler arbeitslos machen, oder die Künstler selbst sich abschaffen sollen, aus höherer Einsicht oder zur Vermeidung absehbarer Unbilligkeiten wie Anspruchshaltungen und inflationäre, Resourcen verschleudernde Überproduktionen, die Aufklärung darüber versank im Malstrom der um- und mit- und gegeneinander, zunehmend nebelhaft nebeneinander kreisender Argumentationsschleifen meiner eulen-artigen Schatten. Der Regen hatte aufgehört, nur die Traufe vor dem Fenster vergoss noch ihre Tränen mit einem absurden Tropf, Tropf.

Ich bin mir sicher, B* kam mit seiner Aneignung der Akademie zu spät.

Malte Wienebüttel, Juli 2011

bei gleichzeitiger Lektüre von Jonathan Swift, Heinrich von Kleist und Joseph Conrad

.


***

 

 

 

..

***

..

***

***

 

Hinweis: 5. September 2011

Wie ich soeben von L* per mail erfahre, ist der Zugang zur Akademie nicht mehr möglich. Die Umbauarbeiten der alten Spinnerei offensichtlich vorbereitend, ist nun auch der verwahrloste, jetzt vom Wildwuchs befreite Garten von einem Zaun umgeben. Der Besuch kann ab sofort nur ein virtueller sein.

Malte Wienebüttel